Diagnose Alkoholabhängigkeit: Alle Informationen zur Diagnosestellung beim Alkoholismus

Nicht jeder, der regelmäßig Alkohol trinkt, hat automatisch eine Alkoholkrankheit. Manche Menschen können große Mengen Bier oder Wein trinken, ohne jemals die Symptome einer Abhängigkeit zu entwickeln. Dennoch schädigt die toxische Wirkung des Suchtmittels den gesamten Körper, so dass auch Betroffene mit einem riskanten Alkoholkonsum ihren Konsum durchaus kritisch hinterfragen und behandeln lassen sollten.

Dagegen ist es Konsumenten, die aufgrund ihres gesteigerten Alkoholkonsums sukzessive eine Suchterkrankung ausbilden, unmöglich, kontrolliert zu trinken, bzw. die Trinkmenge zu reduzieren. Mit der Diagnose Alkoholsucht bleibt ihnen in der Regel deshalb nur der Weg in die Entzugsklinik. Doch wie kommt die Diagnose Alkoholabhängigkeit zustande und welche Methoden wenden Ärzte hierbei an?

Warum ist eine Diagnosestellung bei einer Alkoholabhängigkeit wichtig?

Eine Diagnose hat stets die Feststellung einer bestimmten Krankheit zum Ziel. Das bedeutet, dass im Rahmen der Diagnostik verschiedene Befunde zusammengetragen werden, um das Krankheitsbild des Betroffenen so adäquat und umfassend wie möglich zu beschreiben. Dies ist für die nachfolgende Behandlung überaus wichtig: Nur wenn beim Patienten die richtige Erkrankung diagnostiziert wurde, kann eine wirksame Therapie ausgewählt und umgesetzt werden.

Inwiefern ist die Alkoholismus-Diagnostik schwierig?

Obwohl die Alkoholsucht schon lange als Ausdruck einer ernstzunehmenden Erkrankung anerkannt ist, glauben noch immer viele Menschen, dass ein Alkoholproblem auf eine Charakter- oder Willensschwäche zurückzuführen wäre. Viele Betroffene schämen sich deshalb für ihren Alkoholkonsum und haben Angst vor einer gesellschaftlichen Stigmatisierung. Vor sich selbst, ihren Angehörigen und auch vor ihren Ärzten spielen sie ihren Alkoholkonsum häufig herunter oder versuchen ihn komplett zu verheimlichen. Entsprechend müssen Ärzte in diesem Zusammenhang nicht nur sehr wachsam sein, sondern auch viel Fingerspitzengefühl an den Tag legen. Denn bei einer fehlenden Krankheitseinsicht seitens des Patienten, kann selbst eine fundierte Diagnosestellung den Betroffenen nicht zu einer Therapie bewegen. Dabei ist es gerade die Therapie- bzw. Abstinenzmotivation, die für eine erfolgreiche Behandlung entscheidend ist.

Welche Diagnosekriterien gibt es bei einer Alkoholabhängigkeit?

Mit Blick auf das Krankheitsbild der Alkoholabhängigkeit existieren zwei voneinander unabhängige Klassifizierungssysteme, die bei der Diagnose helfen sollen: die ICD-10 der Weltgesundheitsorganisation (WHO) und das DSM-5 der Amerikanischen Psychiatrischen Gesellschaft (APA). Beide beschreiben den Alkoholismus als ein komplexes Krankheitsbild, das sich in körperlichen und psychischen Symptomen manifestiert.

Wie sieht die Diagnose Alkoholabhängigkeit nach ICD-10 aus?

In der ICD-10 wird die Alkoholabhängigkeit als eine psychische Störung beschrieben, die sich anhand von sechs Kriterien erkennen lässt. Dazu gehören zum Beispiel das starke Verlangen nach Alkohol, das Unvermögen den Alkoholkonsum zu kontrollieren (Kontrollverlust) oder das Auftreten von Entzugserscheinungen beim Verzicht auf den Konsum. Die ICD-10 beschreibt aber nicht nur das Abhängigkeitssyndrom, sondern hilft auch verwandte Alkoholprobleme zu identifizieren. Das betrifft etwa den schädlichen Gebrauch von Alkohol (Alkoholmissbrauch), die akute Alkoholintoxikation oder das Alkoholentzugssyndrom. Wichtig an dieser Stelle ist, darauf hinzuweisen, dass die Alkoholmenge alleine KEIN Kriterium für eine Diagnose ist.

Wie sieht die Diagnose Alkoholismus nach DSM-5 aus?

Das DSM-5 greift für die Diagnose einer Alkoholsucht dieselben Kriterien wie die ICD-10 auf, erweitert und spezifiziert diese aber zusätzlich. Darüber hinaus schlägt das Diagnosemanual die Einordnungen in frühremittiert und anhaltend remittiert vor und unterteilt bei der Diagnosestellung hinsichtlich des Schweregrads.

Wie diagnostiziert man eine Alkoholabhängigkeit?

Die Diagnostik einer Alkoholabhängigkeit erweist sich mitunter als kompliziert. Viele Betroffene schätzen ihren eigenen Alkoholkonsum bewusst oder unbewusst völlig falsch ein. In vielen Fällen kommt die Diagnose einer Alkoholsucht deshalb erst dann zustande, wenn Patienten ihren Arzt wegen eines anderen Problems aufsuchen – zum Beispiel wegen depressiver Verstimmungen, Beschwerden im Magen-Darm-Trakt oder aufgrund von Problemen mit dem Herz-Kreislauf-System. In diesen Situationen liegt es am Arzt, die vom Patienten beschriebenen Symptome korrekt zu deuten und mithilfe der passenden Untersuchungen und Diagnosekriterien zum richtigen Ergebnis zu gelangen.

Selbsteinschätzung

Die Selbsteinschätzung kann im Rahmen der Diagnostik ein wichtiger Faktor sein, muss aber stets kritisch bewertet werden. Viele Menschen gestehen sich ihren problematischen Alkoholkonsum erst ein, wenn die körperlichen und psychischen Folgen des Missbrauchs nicht mehr zu leugnen sind. Bis es zur Krankheitseinsicht kommt, neigen Betroffene dazu, ihren Konsum zu relativieren. In diesem Zusammenhang sind dann auch Selbsttests nur wenig hilfreich.

Screening-Verfahren

Zu den Screening-Verfahren gehören sogenannte Alkoholiker-Tests, d. h. diverse systematische Testverfahren, die einem behandelnden Arzt erste Hinweise darauf liefern können, ob ein bedenklicher Alkoholkonsum vorliegt. Sie sind allerdings genauso wie Selbsttests und die Selbsteinschätzung des Patienten für eine fundierte Diagnosestellung stets nur bedingt geeignet und müssen durch entsprechende Laboruntersuchungen und körperliche Untersuchungen ergänzt werden. Zu den bekanntesten Tests gehören:

  • AUDITc-Test
  • CAGE-Test

Symptome und objektive Merkmale

Menschen, die bereits seit längerem einen erhöhten Alkoholkonsum pflegen, fallen oft durch leicht erkennbare Symptome bzw. durch (a)typische körperliche und physische Merkmale auf, die allerdings auch andere Ursachen haben können. Dazu gehören zum Beispiel

  • Alkoholgeruch bzw. Alkoholfahne
  • Akuter Rauschzustand
  • Zittern der Hände
  • Starkes Schwitzen
  • Bluthochdruck
  • Depressive Verstimmungen
  • Hautveränderungen
  • Gangunsicherheit
  • Sexuelle Funktionsstörungen

Nimmt der behandelnde Arzt gleich mehrere der obigen Symptome bzw. körperlichen und psychischen Auffälligkeiten wahr, kann und sollte er seine Untersuchung mit Blick auf eine Alkoholabhängigkeit ausweiten.

Verhaltensänderungen gegenüber der Familie und dem sozialen Umfeld

Menschen, die den Konsum von Alkohol in den Vordergrund ihres Lebens stellen, verändern sich in der Regel auch psychisch. So dreht sich nach und nach alles um das Suchtmittel; andere Interessen und Hobbies werden vernachlässigt. Häufig verschlechtert sich die Beziehung zur Familie und anderen engen Bezugspersonen, es kommt zu aggressiven Verhalten, wenn die Betroffenen auf ihren gesteigerten Suchtmittelkonsum angesprochen werden.

Laboruntersuchungen bei der Diagnose Alkoholabhängigkeit

Alkohol ist für den menschlichen Organismus eine toxische Substanz, die körperliche und psychische Schäden anrichtet. Einige von ihnen lassen sich im Labor mithilfe von Blutanalysen nachweisen. Viele der möglichen Indikatoren sollten aber nur als Hinweis auf eine mögliche Alkoholabhängigkeit angesehen werden. Laboruntersuchungen allein genügen in der Regel nicht für eine komplexe und fundierte Diagnosestellung, weil die Werte oftmals nicht sensitiv genug sind.

  • Erhöhte Gamma-Glutamyltransferase / y-GT (weist auf eine Fettleber hin)
  • Erhöhtes MCV (weist auf einen Folsäuremangel hin)
  • Erhöhtes CDT (hilft die Alkoholmenge der letzten drei Wochen abzuschätzen)
  • Niedriger Thiaminspiegel (weist auf einen Vitamin-B1-Mangel hin)

Berücksichtigung von Komorbiditäten

Alkoholismus ist eine Erkrankung, die häufig Komorbiditäten, also Begleiterkrankungen, nach sich zieht. Typische Komorbiditäten sind zum Beispiel eine Fettleber oder eine Leberzirrhose, eine Polyneuropathie oder eine Wernicke-Enzephalopathie bzw. ein Korsakow-Syndrom. Wenn der Arzt diese oftmals alkoholinduzierten Erkrankungen bei einem Patienten diagnostiziert, kann dies ein weiteres Indiz dafür sein, dass der Betroffene zu viel Alkohol trinkt. Bei psychischen Begleiterkrankungen, wie zum Beispiel Depressionen oder Angststörungen, ist der Rückschluss auf den Alkoholismus nicht ganz so einfach möglich. Eindeutiger verläuft die Diagnose einer Alkoholabhängigkeit, wenn es zu einem Alkoholdelir gekommen ist.

Wo kann man eine Diagnose der Alkoholabhängigkeit stellen lassen?

Die ärztliche Diagnose der Alkoholkrankheit kann im Rahmen jeder gewöhnlichen Behandlung bei einem Allgemeinmediziner gestellt werden. Bisweilen können auch Psychotherapeuten einzelne Aspekte der Diagnosestellung, wie zum Beispiel die Selbsteinschätzung oder diverse Screening-Verfahren, einleiten.

Wie geht es nach der Diagnose Alkoholismus weiter?

Betroffene, die einmal einen krankhaften Alkoholkonsum ausbilden, schaffen es für gewöhnlich nicht, diesen ohne professionelle Hilfe in den Griff zu bekommen. Auf der einen Seite sorgen die körperliche und psychische Abhängigkeit dafür, dass die Alkoholiker nicht ohne Weiteres ohne das Rauschmittel sein können. Auf der anderen Seite dient der Alkohol häufig als ritualisierter Problemlöser – ohne ihn wissen viele Betroffene nicht, wie sie mit alltäglichen Problemen und Konfliktsituationen umgehen sollen. Deshalb ist es für alkoholabhängige Menschen wichtig, sich in eine professionelle Therapie zu begeben und einen Alkoholentzug durchzuführen. Im Verlauf der Behandlung finden zunächst eine körperliche Entgiftung und im Anschluss daran eine psychische Entwöhnung statt. So werden Körper und Geist von der Abhängigkeit vom Alkohol befreit. Wichtig ist jedoch die aktive Mitarbeit des Patienten. Nur wer seine Erkrankung einsieht und eine hohe Abstinenzmotivation mitbringt, kann den Absprung langfristig schaffen. Wer seinen Alkoholkonsum beschönigt oder irreführenden Konzepten, wie zum Beispiel dem kontrollierten Trinken, anhaftet, verlängert sein Leiden dagegen meist nur. Mehr über die ersten Schritte aus der Sucht erfahren Sie in den Beiträgen Alkoholproblem Hilfe und Hilfe bei Sucht.

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