Alkoholsucht

Ab wann ist man Alkoholiker?

Ab wann ist man ein Alkoholiker – das Wichtigste in Kürze

  • Eine Alkoholabhängigkeit entwickelt sich oft schleichend über Jahre hinweg
  • Viele Menschen pflegen unerkannt einen riskanten Alkoholkonsum
  • Frauen sollten nicht mehr als ein Standardglas pro Tag trinken
  • Für Männer liegt der Grenzwert bei zwei Standardgläsern täglich
  • Das individuelle Risiko für eine Alkoholsucht ist verschieden und kann sich verändern
  • Bei problematischem Konsum ist schnelles Handeln gefragt – idealerweise schon bevor eine Alkoholabhängigkeit entsteht
  • Lesezeit: 7 Minuten

Ab wann ist man Alkoholiker?

Die Kriterien für eine Alkoholabhängigkeit werden im ICD-10 bzw. neuerdings im ICD-11 definiert. Als Alkoholiker gilt nach neuester Definition, wer seinen Alkoholkonsum nur bedingt kontrollieren kann, körperliche Begleiterscheinungen des Konsums entwickelt oder in dessen Leben das Rauschmittel die zunehmend prioritäre Rolle spielt1.

Ab wann ist man Alkoholiker? Mann trinkt alleine Alkohol
Ab wann ist man Alkoholiker? Mann trinkt alleine Alkohol

Genuss oder problematischer Konsum: Wie viel Alkohol ist noch okay?

Statistiken zufolge sind deutschlandweit ca. 1,6 Millionen Erwachsene von einer Alkoholabhängigkeit betroffen2. Die Zahl der Menschen mit problematischem Alkoholkonsum liegt deutlich höher. Dabei wird die Menge, ab der aus einem unproblematischen Genuss ein riskanter Konsum wird, regelmäßig unterschätzt.

Riskanter Alkoholkonsum bei Frauen

Grundsätzlich gilt, dass Alkohol für Frauen problematischer ist als für Männer. Das liegt an den physiologischen Voraussetzungen: Frauen besitzen einen geringeren Anteil an Körperflüssigkeit und bauen Alkohol langsamer ab. Sie haben dadurch ein größeres Risiko, Lebererkrankungen zu entwickeln und auch die Gefahr für Brustkrebs kann steigen3. Ärzte raten Frauen deshalb dazu, eher wenig Alkohol zu trinken. Die als ungefährlich eingestufte Menge liegt bei ca. 12 Gramm Alkohol pro Tag. Das entspricht etwa einem Glas Bier mit 0,3 Litern Inhalt oder einem Glas Wein mit 0,125 Litern4. Zudem sollten wöchentlich mindestens zwei Tage eingelegt werden, an denen gar kein Alkohol getrunken wird.

Riskanter Alkoholkonsum bei Männern

Männer können alkoholische Getränke zwar meist besser vertragen als Frauen, ungefährlich sind konstant hohe Mengen Alkohol für sie aber dennoch nicht. Im Gegenteil: Statistiken zeigen, dass Alkoholsucht überwiegend ein Männerproblem ist. Dabei gibt es auch für sie klare Empfehlungen in Form von Grenzwerten. So sollten Männer nicht mehr als zwei Standardgläser Alkohol täglich zu sich nehmen, was circa 20 bis 24 Gramm Alkohol oder zwei kleinen Gläsern Bier entspricht. Auch die zwei alkoholfreien Tage pro Woche sollten grundsätzlich eingehalten werden.

Gewohnheitsmäßiger Alkoholkonsum und Rauschtrinken

Der Übergang zwischen unproblematischem Genusstrinken und krankhaftem Konsum ist oft fließend. Riskant wird es meist, wenn Alkohol zu trinken alltäglich wird oder Betroffene regelmäßiges Rauschtrinken pflegen. Dies ist dann der Fall, wenn Frauen mehr als 4 Standardgläser Alkohol und Männer mehr als 5 Gläser trinken. Hier erhöht sich das Risiko, früher oder später einen Alkoholismus auszubilden, mit den entsprechenden Folgen.

Mehr erfahren über

  1. Alkoholiker-Typen

Welche Aussagekraft haben Alkoholtests?

Alkoholtests sind in erster Linie ein diagnostisches Mittel, mit dem ein problematischer Alkoholkonsum identifiziert werden kann. Sie können Betroffenen dabei helfen, den eigenen Konsum realistisch einzuschätzen.

Verlässliche Aussagen darüber, ob jemand ein Alkoholiker ist oder nicht, sind jedoch nicht möglich. Dafür spielen zu viele Faktoren in die Beantwortung der Selbsttests hinein. Ein Selbsttest über Alkoholismus kann nur aussagekräftig sein, wenn er tatsächlich wahrheitsgemäß beantwortet wird. Da die Alkoholabhängigkeit als Krankheit jedoch noch immer gesellschaftlich stigmatisiert wird, beschönigen viele potenzielle Alkoholiker ihre Antworten – die Aussagekraft des Tests wird dadurch stark beeinträchtigt.

Die Frage „Ab wann ist man alkoholabhängig“ können Tests also nur beantworten, wenn die Befragten schonungslos ehrlich und selbstreflektiert antworten. Als Hilfe für das Arzt-Patienten-Gespräch können die Tests jedoch dienlich sein. Sie können Ärzten dabei helfen, einen möglicherweise problematischen Alkoholkonsum anzusprechen5.

Mehr Infos zu

  1. Alkoholtests

Wie kann man die eigenen Grenzen erkennen?

Viele Menschen, die regelmäßig auch größere Mengen Alkohol trinken, fragen sich, ab wann man als Alkoholiker gilt und ob die individuellen Grenzen dabei eine Rolle spielen. Schließlich verträgt manch einer deutlich mehr als ein anderer. Überdies variieren Umgang und Einstellung zu Alkohol teilweise stark. Und tatsächlich scheinen manche Menschen ein größeres Risiko zu besitzen, in eine Alkoholabhängigkeit zu rutschen, als andere. Die dahinterstehenden Mechanismen sind jedoch aktuell Teil der Forschung und noch nicht gänzlich geklärt.

Wirklich risikoarmen Konsum gibt es nicht

Die meisten Menschen, die gern Alkohol trinken und sich fragen, ab wann man ein Alkoholproblem hat, fokussieren sich dabei allein auf den Alkoholismus als Krankheit. Viele glauben sogar, dass ein moderater Konsum der Gesundheit zuträglich wäre. Diese Annahme ist auf verschiedene Studien zurückzuführen, von denen mittlerweile viele als widerlegt gelten.

Fakt ist: Einen wirklich risikoarmen bzw. gar risikofreien Konsum gibt es nicht. Bereits kleine Mengen reinen Alkohols schädigen das Gehirn nachhaltig bzw. kann das Gehirnvolumen schrumpfen lassen6. Man muss also nicht erst eine Alkoholkrankheit entwickeln – das Rauschmittel entfaltet seine schädliche Wirkung bereits deutlich früher.

Das individuelle Limit verschiebt sich

Ein weiteres Problem im Zusammenhang mit einer beginnenden Alkoholsucht: Das eigene Limit verschiebt sich zusehends. Mit der Zeit gewöhnen Betroffene sich körperlich an den Rausch sowie die Folgen des Konsums. Das Ergebnis: Sie können größere Mengen trinken, ohne sich betrunken zu fühlen. Zudem leiden sie nicht mehr so oft unter dem sogenannten Kater am nächsten Tag. All dies kann dazu führen, dass der Alkoholkonsum noch weiter nach oben geschraubt wird. Auf die eigenen körperlichen und/oder psychischen Reaktionen ist demnach nur bedingt Verlass.

Täglich ein Glas Wein: Ab wann hat man ein Alkoholproblem?

Nicht jeder, der täglich ein Glas Wein oder Bier trinkt, leidet automatisch unter einer Alkoholsucht oder läuft Gefahr, binnen kürzester Zeit eine Alkoholabhängigkeit auszubilden. Je mehr das Trinken zur Gewohnheit wird, umso größer kann das Problem werden. Gleiches gilt für Betroffene, die Alkohol als schnelle Lösung bei Stress, sozialen Konflikten oder anderen Spannungen zu sich nehmen.

Die konkrete Grenze, ab der man aus medizinischer Sicht von einer körperlichen und/oder psychischen Alkoholsucht spricht, ist nicht bei jedem Betroffenen gleich. Bei manchen Alkoholikern führen schon zwei Gläser Bier täglich in die Abhängigkeit, andere nehmen über viele Jahre hinweg deutlich größere Mengen zu sich, ehe sie eine Sucht ausbilden.

Woran merkt man, dass man alkoholabhängig ist?

Entscheidend ist, die ersten körperlichen und/oder psychischen Zeichen zu erkennen und richtig zu deuten. Dazu gehören beispielsweise:

  • die Gedanken kreisen immer wieder um Alkohol
  • der Alkoholkonsum wird langsam, aber sicher gesteigert
  • es werden immer häufiger Gelegenheiten gefunden, um Alkohol zu trinken
  • ohne den Alkoholkonsum machen sich körperliche und/oder psychische Symptome bemerkbar
  • andere Dinge (Job, Familie, Hobbys) werden zugunsten des Alkohols zunehmend hintenangestellt
  • es wird weiter Alkohol getrunken, obwohl die Schäden des Konsums unübersehbar sind

Ab wann ist man Alkoholiker – an wen kann man sich wenden?

Niemand, der befürchtet, an einem Alkoholismus zu leiden, muss dieser Krankheit allein begegnen. Alkoholsucht ist ein Problem, das jeden treffen kann – unabhängig von Alter, Geschlecht oder sozialem Status. Es gibt gut verfügbare und signifikant wirksame Behandlungskonzepte. Vom ambulanten Entzug bis zum Aufenthalt in einer Tagesklinik oder einer stationären Entzugstherapie ist vieles möglich.

Schnelles Handeln gegen langfristige Folgen

Für jede Entzugstherapie gilt: Je eher Betroffene ihre Alkoholabhängigkeit erkennen und sich dem Alkoholismus stellen, umso besser stehen die Chancen auf eine vollständige Heilung und umso konsequenter können die negativen Folgen des starken Alkoholkonsums verhindert werden. Erste Ansprechpartner finden Betroffene in ihrer Hausarztpraxis, bei Suchtberatungsstellen oder Selbsthilfegruppen. Auch Kliniken mit Suchtambulanz bzw. spezialisierte Fachkliniken können über die Behandlung bei einer Alkoholabhängigkeit aufklären bzw. unter Umständen sogar direkt eine Aufnahme veranlassen. Erfahrungsgemäß funktioniert das bei spezialisierten Privatkliniken besonders schnell und unbürokratisch.

Auch Angehörige können Beratungsangebote wahrnehmen

Wer in seinem Familien-, Freundes- oder Bekanntenkreis Menschen hat, die Symptome einer Alkoholabhängigkeit aufweisen, sollte nicht wegschauen, sondern gezielt handeln. Hierbei kommt es auf Einfühlungsvermögen und Fingerspitzengefühl an. Betroffene können sich bei den oben genannten Stellen im Vorfeld ebenfalls beraten lassen. Teilweise bieten Einrichtungen sogar extra Sprechzeiten und Vorträge für Angehörige an.

Quellenliste

1 Heinz, Andreas et al. „ICD-11: Änderungen der diagnostischen Kriterien der Substanzabhängigkeit“, In: Der Nervenarzt, Ausgabe 1/2022, Print ISSN: 0028-2804 , Elektronische ISSN: 1433-0407, https://doi.org/10.1007/s00115-021-01071-7https://www.springermedizin.de/sucht/suchterkrankungen-in-der-hausarztpraxis/icd-11-aenderungen-der-diagnostischen-kriterien-der-substanzabha/18864874 (Datum des Zugriffs: 04.07.2022)

2 Bundesministerium für Gesundheit „Alkohol“, https://www.bundesgesundheitsministerium.de/service/begriffe-von-a-z/a/alkohol.html (Datum des Zugriffs: 04.07.2022)

3 Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung „Der kleine Unterschied: Gesundheitsrisiken von Alkoholkonsum für Frauen gravierender“, https://www.bzga.de/presse/pressemitteilungen/2021-03-05-der-kleine-unterschied-gesundheitsrisiken-von-alkoholkonsum-fuer-frauen-gravierender/ (Datum des Zugriffs: 04.07.2022)

4 Federführende Fachgesellschaften:
Deutsche Gesellschaft für Psychiatrie und Psychotherapie, Psychosomatik und Nervenheilkunde (DGPPN)
Deutsche Gesellschaft für Suchtforschung und Suchttherapie e.V. (DG-SUCHT)
Titel der Leitlinie: “Screening, Diagnose und Behandlung alkoholbezogener Störungen” Auflage/Version Datum: Dezember 2020, S. 11
Verfügbar unter: Link zur Seite Der Leitlinie bei der AWMF: https://www.awmf.org/leitlinien/detail/ll/076-001.html
Zugriff am (Datum): 04.07.2022 

5 aerzteblatt.de „Alkoholkonsum richtig ansprechen“, https://www.aerzteblatt.de/nachrichten/113006/Alkoholkonsum-richtig-ansprechen (Datum des Zugriffs: 04.07.2022)

6 aerzteblatt.de „Studie: Chronischer Alkoholkonsum verkleinert das Gehirn bereits in geringer Menge“ https://www.aerzteblatt.de/nachrichten/132348/Studie-Chronischer-Alkoholkonsum-verkleinert-das-Gehirn-bereits-in-geringer-Menge (Datum des Zugriffs: 04.07.2022)

Suchen & Finden

Suchtklinik suchen

Umkreis