Medikamentensucht-Diagnose: So wird die Diagnose einer Medikamentenabhängigkeit gestellt

Schlafstörungen, chronische Schmerzen oder anhaltende Unruhezustände – es gibt viele Symptome, wegen denen sich Menschen psychoaktive Medikamente von ihrem Arzt verschreiben lassen. Was einige nicht wissen: Ein großer Teil der rezeptpflichtigen Beruhigungs-, Schmerz- und Schlafmittel kann bei dauerhafter Anwendung eine Medikamentenabhängigkeit auslösen, die oft über Jahre hinweg unbemerkt bleibt. Schließlich sind die Merkmale einer physischen oder psychischen Abhängigkeit nicht immer eindeutig zu identifizieren. Man spricht daher auch von einer heimlichen Sucht. Umso wichtiger ist es für Betroffene und deren Angehörige, die Kriterien für eine Medikamentensucht-Diagnose zu kennen. Je eher die Krankheit erkannt wird, umso schneller und effektiver lässt sie sich behandeln.

Warum ist eine Medikamentensucht-Diagnose so schwierig?

Eine eindeutige Diagnose einer Medikamentenabhängigkeit zu stellen, erweist sich meist als schwierig, da die Übergänge zwischen den verschiedenen Stadien der Erkrankung fließend sind. Vom bestimmungsgemäßen Gebrauch eines Medikaments über den Medikamentenmissbrauch bis hin zu einer krankhaften Abhängigkeit sind es bisweilen nur kleine Schritte, die häufig vom Patienten selbst unbemerkt bleiben. Darüber hinaus gilt es, zwischen den verschiedenen Arten von Medikamenten zu unterscheiden. Denn es lassen sich zwar praktisch alle Arzneimittelarten missbrauchen, doch nicht jedes Präparat löst eine körperliche oder psychische Abhängigkeit aus. Zu den Medikamenten mit Suchtpotenzial gehören unter anderem:

  • Benzodiazepine
  • Z-Drugs (Non-Benzodiazepine)
  • Opiate und Opioide

Neuere Antidepressiva, Abführmittel oder Nasenspray lassen sich zwar missbrauchen, es entsteht jedoch in der Regel keine Abhängigkeit nach dem Medikament. Eine weitere Schwierigkeit im Zusammenhang mit einer Medikamentensucht-Diagnose ist es, dass eine Suchterkrankung nicht zwangsläufig aus einem vorherigen, bewussten Missbrauch resultieren muss. So gibt es viele Patienten, die unter einer sogenannten low-dose-dependency, einer Niedrigdosisabhängigkeit leiden und die betreffenden Medikamente immer nur in der vom Arzt verordneten Dosis einnehmen. Sie sind auf das jeweilige Medikament eingestellt und sind in der Lage ihren Alltag derart zu bewältigen, dass andere Menschen in der Regel nicht bemerken, dass bereits eine Medikamentenabhängigkeit entstanden ist. Problematisch wird es erst dann, wenn das Medikament abgesetzt werden soll und der Patient an Entzugserscheinungen leidet.

An wen sollte man sich für eine Medikamentensucht-Diagnose wenden?

Betroffene, die bei sich aufgrund der häufigen Einnahme von Medikamenten wie Schmerzmitteln oder Schlaftabletten eine psychische oder körperliche Veränderung feststellen, sollten sich am besten umgehend an einen Experten wenden. Das kann beispielsweise der Hausarzt sein, der mit der Krankheitsgeschichte des Patienten bestens vertraut ist. Häufig ist er es sogar, der die suchtauslösenden Medikamente verschreibt. Alternativ zu Ärzten können auch Sucht- oder Drogenberatungsstellen, Selbsthilfegruppen sowie Sucht- und Entzugskliniken nützliche Hilfestellungen rund um die Diagnose einer Medikamentenabhängigkeit bieten. Darüber hinaus liefern alle Stellen wichtige Informationen zu einer möglichen weiterführenden Behandlung.

Wer gibt die Kriterien für eine Medikamentensucht-Diagnose vor?

Wenn ein Arzt bei einem Patienten eine Medikamentensucht feststellt, erfolgt dies basierend auf den Vorgaben des ICD-10 oder des DSM-V (USA). Hierbei handelt es sich um Klassifikationssysteme, mit deren Hilfe medizinische Diagnosen einheitlich und systematisch gestellt werden können.

Wie lautet die Medikamentensucht-Diagnose nach ICD-10?

Laut der von der WHO (Weltgesundheitsorganisation) herausgegebenen Internationalen Klassifikation der Krankheiten wird die Medikamentenabhängigkeit als eine psychische Störung anhand von sechs Kriterien definiert. Diese Kriterien müssen nicht alle gleichzeitig und dauerhaft erfüllt sein. Als Richtlinie gilt jedoch, dass im zurückliegenden Jahr zu einem oder mehreren Zeitpunkten mindestens drei der Kriterien zutreffend gewesen sein müssen, damit die Diagnose einer Medikamentensucht gestellt werden kann:

  • Starkes Verlangen oder zwanghafter Wunsch nach der Einnahme des Medikaments
  • Körperliche Entzugserscheinungen bei Ausbleiben oder Einnahmeverzögerung der gewohnten Dosis
  • Kontrollverlust hinsichtlich des Zeitpunkts, der Menge und der Häufigkeit der Medikamenteneinnahme
  • Wirkungsverlust der Medikamente (Toleranzentwicklung) mit evtl. anschließender Steigerung der Dosis
  • Medikamenteneinnahme wird auch bei schwerwiegenden Folgeschäden fortgesetzt
  • Alleinige Fokussierung auf die Medikamente und deren Einnahme, während andere Lebensbereiche zunehmend in den Hintergrund geraten (Interessenverlust)

Wie lautet die Medikamentensucht-Diagnose nach DSM-V?

Das DSM-V ist ein Diagnosemanual, das von der US-amerikanischen Psychiatriegesellschaft zusammengestellt und herausgegeben wird. Hierin werden mehr bzw. differenziertere Kriterien für die Diagnose einer Medikamentenabhängigkeit als im ICD-10 vorgestellt. Darüber hinaus ist eine Differenzierung nach Schweregrad möglich. Sind beispielsweise im letzten Jahr zwei bis drei der nachfolgenden Kriterien aufgetreten, kann von einer moderaten Medikamentensucht ausgegangen werden. Eine schwere Abhängigkeit von Medikamenten liegt dagegen vor, wenn wenigstens vier der Symptome gleichzeitig aufgetreten sind.

  • Einnahme des Medikaments bei Vernachlässigung beruflicher, schulischer oder häuslicher Pflichten
  • Anwendung des Medikaments trotz sozialer oder zwischenmenschlicher Komplikationen
  • Einnahme des Medikaments trotz wissentlicher Gefahr für körperliche und psychische Gesundheit
  • Craving bzw. starkes Verlangen
  • Toleranzentwicklung mit Dosissteigerung
  • Ausbleiben der Medikamenteneinnahme führt zu Entzugserscheinungen
  • Kontrollverlust bei der Medikamenteneinnahme
  • Bestehender Kontrollwunsch bezüglich des Medikamentenkonsums lässt sich nicht erfüllen
  • Konsum bzw. Beschaffung der Medikamente nehmen immer mehr Zeit in Anspruch
  • Aktivitäten werden zugunsten des Konsums auf ein Minimum reduziert
  • Einnahme wird trotz psychischer und physischer Probleme fortgesetzt

Welche ärztlichen Untersuchungsmethoden gibt es zur Stellung der Diagnose einer Medikamentensucht?

Betroffene, die unter Schlafstörungen, starken Schmerzen oder innerer Unruhe leiden und mit psychoaktiven Medikamenten behandelt werden, bemerken ihre eigene Medikamentenabhängigkeit oft lange Zeit nicht. Und auch bei ärztlichen Untersuchungen treten nur selten auffällige Symptome in Erscheinung, an denen sich die Krankheit eindeutig ablesen ließe. Häufig kommt der Arzt nur über ausführliche Gespräche mit dem Patienten sowie gegebenenfalls auch mit dessen Angehörigen zur richtigen Diagnose. Urintests können bei bestimmten Medikamenten wie Opiaten oder Benzodiazepinen über die Einnahme Klarheit verschaffen. Eine Abhängigkeit ist damit allerdings noch nicht gesichert. Der Arzt ist dazu immer auf das Mitwirken des Patienten angewiesen. Nur wenn dieser auf Fragen zur Einnahmemenge und dem Einnahmenverlauf von Opiaten, Benzodiazepinen und Z-Substanzen aufrichtig antwortet und die Augen nicht vor einer möglichen Sucht verschließt, kann ihm auch tatsächlich mit der passenden Behandlung weitergeholfen werden.

Medikamentensucht-Diagnose: Wie geht es weiter?

Wenn die regelmäßige Einnahme von Beruhigungsmitteln oder Schmerzmitteln zu einer Medikamentenabhängigkeitsdiagnose geführt hat, ist schnelles Handeln erforderlich. Schließlich können Suchterkrankungen schon nach kurzer Zeit zu einer Reihe physischer und psychischer Begleiterkrankungen führen, die den Betroffenen zusätzlich einschränken und belasten. Nichtsdestotrotz ist es wichtig, zielführend und mit Bedacht zu handeln. Auf keinen Fall sollten Patienten die Medikamente eigenmächtig absetzen. Dies kann gravierende Entzugserscheinungen mit lebensgefährlichen Folgen auslösen. Stattdessen kommt es darauf an, sich professionelle Hilfe zu suchen und sich in eine qualifizierte Behandlung zu begeben.

In einer Suchtklinik kann eine Medikamentenabhängigkeit zusammen mit eventuellen Begleiterkrankungen sowie den ursächlichen psychischen Erkrankungen ganzheitlich und umfassend therapiert werden. Die Behandlung setzt sich aus verschiedenen Behandlungsschritten zusammen. Den Anfang macht eine körperliche Entgiftung, d. h. die schrittweise Reduktion der Dosis (fraktionierter Entzug oder Substitution, also Ersatz), bevor in der sich anschließenden Entwöhnung die psychischen Ursachen der Erkrankung therapeutisch aufgearbeitet werden. Dank medikamentöser Begleitung werden die Symptome des Medikamentenentzugs (Verlinkung, wenn entsprechende Seite veröffentlicht wurde) reduziert. Für Betroffene, die über einen längeren Zeitraum regelmäßig Beruhigungsmittel, Schlaftabletten oder Schmerzmittel eingenommen haben, empfiehlt sich eine stationäre Behandlung, die entweder in öffentlichen Einrichtungen oder privaten Suchtkliniken (Verlinkung, wenn entsprechende Seite veröffentlicht wurde) stattfinden können.

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