Medikamentensucht

Tilidin-Abhängigkeit

Tilidin-Abhängigkeit: Das Wichtigste in Kürze

  • Eine Abhängigkeit entsteht, wenn Patienten Tilidin über einen längeren Zeitraum einnehmen oder es bewusst als Droge missbrauchen
  • Das Schmerzmittel besitzt ein hohes Suchtpotenzial, so dass bereits eine Überschreitung der Einnahme von 2 Wochen zu einer Abhängigkeit führen kann
  • Tilidin sollte nur nach einer sorgsamen Nutzen-Risiko-Analyse eingenommen und vom Arzt nur nach sorgfältiger Abwägung verordnet werden
  • Mögliche Indikationen sind: Craving, Kontrollverlust bzgl. Einnahme und Menge des Medikaments, Konsumsteigerung durch Toleranzentwicklung, Entzugssymptome bei Konsumstopp
  • Die langfristige Einnahme kann zu Beschwerden führen wie: depressive Verstimmungen, Schlafstörungen, sinkende Schmerztoleranz, erhöhte Sturzgefahr
  • Eine Tilidin-Abhängigkeit kann in den allermeisten Fällen nur durch einen fraktionierten Tilidin-Entzug (Entgiftung) mit anschließender Entwöhnung behandelt werden

Was ist eine Tilidin-Abhängigkeit?

Das Opioid Tilidin ist ein wichtiges Analgetikum, das Schmerzen durch seine psychoaktive Wirkung schnell und zeitnah lindern kann. Dies gilt besonders für Krebs- und Rheumaerkrankungen und für einige weitere Indikationen, bei denen andere Schmerzmittel nicht die gewünschte Wirkung erzielen. Eine Abhängigkeit von Tilidin entsteht, wenn Patienten das Opioid als Schmerzmittel über einen längeren Zeitraum einnehmen oder es bewusst als Droge missbrauchen. In der Regel kommt es zu einer körperlichen und einer psychischen Abhängigkeit, wobei die psychischen Aspekte in der Regel überwiegen.

Wie wirkt Tilidin?

Als synthetisches Opioid beeinflusst Tilidinhydrochlorid-Hemihydrat das zentrale Nervensystem, dockt dort an den Opioid-Rezeptoren an und hemmt die Weiterleitung von Schmerzsignalen. Als Prodrug wirkt Tilidin allerdings nicht direkt, sondern erst nach dem sogenannten First-Pass-Effekt, d. h. der Wirkstoff muss erst von der Leber verstoffwechselt werden. Für die Schmerzlinderung verantwortlich ist das Stoffwechselprodukt Nortilidin. Darüber hinaus besitzt Tilidin einen stimmungserhellenden Effekt, lindert Ängste und löst bereits in geringen Dosen ein großes Wohlbefinden aus.

Wie schnell macht Tilidin abhängig?

Aufgrund des bereits bei niedrigen Dosierungen (ab 25 mg) einsetzenden Wohlbehagens besitzt das Schmerzmittel ein hohes Suchtpotenzial, so dass bereits eine zwei Wochen überschreitende Einnahme zur Entwicklung einer Abhängigkeit führen kann. Dennoch wird eine Tilidin-Sucht im Bereich der Niedrigdosisabhängigkeit oft lange Zeit nicht als Krankheit wahrgenommen. Schließlich wird der Wirkstoff vom Arzt verordnet und nach seinen Anweisungen regelmäßig eingenommen. Meist bemerken Tilidin-Abhängige ihre Erkrankung erst dann, wenn das Mittel abgesetzt wird oder es zu Einnahmeverzögerungen kommt. Anders sieht es aus, wenn das Opioid zu Rauschzwecken konsumiert wird. Hier wird das Abhängigkeitsrisiko von vornherein billigend in Kauf genommen.

Wie kommt es zu einer Tilidin-Abhängigkeit?

Am Anfang einer Tilidin-Abhängigkeit steht normalerweise eine Erkrankung mit starken Schmerzen, die durch das Opioid gelindert wird. Bei einer längeren Einnahme entwickelt sich durch den Konsum eine Sucht. Demzufolge gibt es keine bestimmte Personengruppe, die für die Ausbildung einer Tilidin-Sucht besonders prädestiniert ist. Weil den Betroffenen das Suchtrisiko in vielen Fällen nicht bewusst ist, verläuft die Erkrankung häufig schleichend. Wird Tilidin illegal als Droge konsumiert, haben die Betroffenen das Gefühl, durch den Konsum ihren Idolen aus der Rap-Szene näher zu sein und unterschätzen dabei völlig das Risiko der Substanz.

Welche Rolle spielt Naloxon bei der Entwicklung einer Tilidin-Abhängigkeit?

Um die Gefahr einer Tilidin-Abhängigkeit zu bannen, hält der Gesetzgeber einige Konsumhürden bereit. So sind schnell freisetzende Tilidin-Tropfen als Monopräparat BtM-pflichtig und dürfen nur unter strengen Vorgaben verordnet werden. Zudem enthalten Tilidin-Tabletten oder Retard-Tabletten in der Regel zusätzlich den Wirkstoff Naloxon, der als sogenannter Opioid-Antagonist ab einer bestimmten Dosierung die Wirkung von Opioiden aufhebt. Auf diese Weise soll ein Missbrauch oder eine Überdosierung verhindert werden. Besteht bereits eine Opiat-Abhängigkeit, ist die Einnahme von Naloxon allerdings kontraindiziert, da die Substanz die Wirkung aller Opiate und Opioide aufhebt, so dass es zu Entzugserscheinungen kommen kann.

Wie lässt sich eine Tilidin-Sucht verhindern?

Wie alle Medikamente sollte Tilidin vom Patienten nur nach einer sorgsamen Nutzen-Risiko-Analyse eingenommen und vom Arzt nur nach sorgfältiger Abwägung verordnet werden. In diesem Zusammenhang spielt die 4-K-Regel eine große Rolle:

  • Klare Indikation: Tilidin-Verschreibungen nur bei eindeutiger Indikation und nicht vorhandenen medikamentösen Alternativen; nicht bei bestehenden Abhängigkeiten
  • Kleine Dosis: So wenig Milligramm (mg) wie möglich in kleinsten Packungsgrößen
  • Kurze Einnahme: Kurze Behandlung mit regelmäßigen Kontrollen
  • Kein abruptes Absetzen: Ausschleichen durch schrittweise Reduzierung der Dosis

Bevor Tilidin oder andere Opioid-Analgetika des WHO-Stufenschemas verordnet werden – beispielsweise Tramadol – sollte immer eine nicht-medikamentöse Behandlung zur Bewältigung von Schmerzen erwogen werden. Dazu zählen in erster Linie die Psychotherapie, Entspannungstechniken oder eine multimodale Schmerztherapie. Die Einnahme starker Schmerzmittel sollte aufgrund ihrer Nebenwirkungen und ihres Suchtrisikos erst am Ende der Behandlungskette zum Tragen kommen.

Welche Arten der Tilidin-Sucht gibt es?

Im Gegensatz zur Alkoholsucht und zur Drogensucht unterscheidet man bei einer Medikamentenabhängigkeit zwischen einer Niedrigdosisabhängigkeit (low dose dependency) und einer Hochdosisabhängigkeit (high dose dependency). Bei der Niedrigdosisabhängigkeit wird der Wirkstoff gemäß den Anweisungen des Arztes eingenommen und die Dosis nicht eigenmächtig gesteigert. Die Betroffenen „funktionieren“ im Leben und man merkt Ihnen die Sucht von außen meist nicht an. Problematisch wird es erst dann, wenn das jeweilige Arzneimittel abgesetzt werden soll, wenn es aufgrund der niedrigen Dosierung keine Wirkung mehr erzielt oder es aufgrund der langen Einnahme zu Nebenwirkungen kommt.

Bei der Hochdosisabhängigkeit steigern die Betroffenen die Dosis ohne Absprache mit dem zuständigen Arzt, um eine stärkere Wirkung zu verspüren, was in Kombination mit Naloxon allerdings nicht gelingt. Daher ist eine „klassische“ Hochdosisabhängigkeit von Tilidin vergleichsweise selten anzutreffen.

Wie erfolgt die Diagnose einer Tilidin-Abhängigkeit?

Wie bei allen stoffgebundenen Suchterkrankungen kann die Diagnose einer Tilidin-Abhängigkeit entweder durch das ICD-10 der Weltgesundheitsorganisation (WHO) oder das DSM-5 der Amerikanischen Psychiatrischen Gesellschaft (APA) erfolgen. In Deutschland wird meist das ICD-10 zur Diagnostik hinzugezogen, das eine Tilidin-Sucht wie folgt definiert:

  • Starkes Verlangen (Craving) nach der Tilidin-Wirkung
  • Kontrollverlust bzgl. der Einnahme und Menge des Schmerzmittels Tilidin
  • Konsumsteigerung durch Toleranzentwicklung; ist durch Naloxon aber nur eingeschränkt möglich
  • Physische und psychische Entzugssymptome bei Konsumstopp
  • Der Konsum von Tilidin dominiert zunehmend das Leben
  • Trotz Nebenwirkungen nehmen die Patienten die Substanz weiter ein

Traten 3 der genannten Symptome innerhalb des letzten Jahres gemeinsam auf, sprechen Mediziner von einer Abhängigkeit.

Welchen besonderen Risiken unterliegen Tilidin-Abhängige?

Neben der Gefahr akuter Nebenwirkungen, die bei nahezu allen Medikamenten besteht, kann die mit einer Abhängigkeit verbundene, langfristige Einnahme von Tilidin zu folgenden Beschwerden führen:

  • Depressive Verstimmungen
  • Schlafstörungen
  • Sinkende Schmerztoleranz
  • Konzentrationsstörungen
  • Aggressionen
  • Muskelabbau
  • Gewichtsverlust
  • Libido-Verlust
  • Erhöhte Sturzgefahr
  • Einschränkungen der Fahrtüchtigkeit

Darüber hinaus sollte Tilidin niemals gemeinsam mit Alkohol konsumiert werden, andernfalls kann es zu starken Wechselwirkungen bis hin zur Atemdepression kommen.

Wie wird eine Tilidin-Abhängigkeit behandelt?

Eine Abhängigkeit von Tilidin kann in den allermeisten Fällen nur durch einen fraktionierten Tilidin-Entzug (Entgiftung) mit anschließender Entwöhnung behandelt werden. Dabei wird der Wirkstoff Tilidin langsam ausgeschlichen, die Entzugssymptome werden durch begleitende Medikamente und Therapien gelindert. Je nach Klinik und Kostenträger setzen sich die Patienten zeitgleich (Privatkliniken) oder nachfolgend (DRV) mit den Suchtursachen auseinander und trainieren alternative Strategien zum Konsum. Eine tragende Rolle spielt dabei das Erlernen einer adäquaten Schmerzbewältigung. Die Behandlung ist für Medikamentenabhängige und für Drogenabhängige gleich.

Wie geht es für den Süchtigen nach dem Entzug weiter?

Wie bei allen anderen psychoaktiven Arzneimitteln kann eine Sucht nach dem Opioid Tilidin nie vollständig geheilt werden. Wer von Tilidin ratiopharm oder anderen Präparaten mit dem Wirkstoff abhängig ist, oder Tilidin als Droge missbraucht, wird immer wieder mal mit dem Verlangen nach der Substanz konfrontiert werden. Zwar rückt dieses bei längerer Abstinenz in den Hintergrund, kann aber durch bestimmte Situationen erneut ausgelöst werden (Suchtgedächtnis). Daher sollten sich die Betroffenen auch nach dem Entzug durch eine ambulante Nachsorge kontinuierlich mit ihrer Sucht auseinandersetzen. Dies erfolgt meist durch den Besuch eines Nachsorgetherapeuten und die Teilnahme an einer Selbsthilfegruppe.

Fazit: Ein wirkungsvolles Medikament, das mit Bedacht angewendet werden sollte

Obwohl Capital Bra seine erste Tilidin-Einnahme in einem Interview als den „schlimmsten Absturz seines Lebens“ beschreibt, besteht ein gravierender Unterschied zwischen der Anwendung als Medikament und dem Konsum als Droge. Mit Bedacht verordnet und kurzfristig in kleinen Dosen eingenommen, kann das Medikament starke Schmerzen wirksam lindern und für deutlich mehr Lebensqualität sorgen. Patienten, die aufgrund bestimmter Krankheiten wie z. B. Fibromyalgie dauerhaft Schmerzmittel einnehmen müssen, sollten ihre Erkrankung und deren Behandlung neben dem Hausarzt mit einem erfahrenen Schmerzmediziner besprechen und sich ausführlich über wirkungsvolle Schmerzbewältigungsstrategien und medikamentöse Alternativen informieren.

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