Tilidin: Schmerzlinderung mit Suchtgefahr

Wer unter chronischen Schmerzen leidet, verliert erheblich an Lebensfreude und Lebensqualität. So sind Medikamente, die in der Lage sind, selbst starke und anhaltende Schmerzen zu lindern, in den meisten Fällen eine wahre Wohltat. Doch viele der in diesen Arzneimitteln enthaltenen Wirkstoffe gehen mit gefährlichen Nebenwirkungen einher und machen mehr oder weniger schnell abhängig. Zu diesen Substanzen zählt auch der synthetisch hergestellte Arzneistoff Tilidin, der als Schmerzmittel bei den verschiedensten Erkrankungen Anwendung findet. Aufgrund der hohen Suchtgefahr fällt er als Monopräparat in Deutschland unter das Betäubungsmittelgesetz und darf nur unter strengen Vorgaben verschrieben werden. In anderen Ländern – beispielsweise der USA – ist der Wirkstoff sogar verboten.

Welchen Menschen wird vom Arzt Tilidin verordnet?

Das Schmerzmittel oder auch Analgetikum gehört genau wie Morphium zur Gruppe der Opioide. Es wurde von Gödecke unter dem Namen Valoron® patentiert und wird seit den 1970er Jahren in Deutschland zur Behandlung chronischer Schmerzen in Form von Tropfen oder Tabletten verschrieben. Als Tabletten sind normale Kapseln oder sogenannte Retardtabletten erhältlich. Letztere zeichnen sich durch einen verzögerten Wirkungseintritt aus und fallen daher nicht unter das Betäubungsmittelgesetz. Für Akutbehandlungen steht der Wirkstoff auch in Form von Injektionen zur Verfügung. Anwendung findet das Mittel hierzulande vor allem zur Behandlung mittelstarker bis starker Schmerzen in Folge von:

  • Rheumatischen Erkrankungen
  • Bandscheibenvorfällen
  • Krebserkrankungen
  • Herzinfarkten
  • Unfällen
  • Operationen

Im Gegensatz zu Morphium oder Methadon, die nach der Einstufung der Weltgesundheitsorganisation (WHO) zu den starken Opioiden (Stufe 3) gehören, hat Tilidin eine etwas schwächere Wirkung (Stufe 2). Im direkten Vergleich soll dieser Wirkstoff nur etwa 20 Prozent der schmerzstillenden Wirkung von Morphium erzielen. Der gleichen Wirkstufe ist beispielsweise auch Tramadol zugeordnet.

Wie wirkt das Medikament?

Tilidin gehört zu den sogenannten Prodrugs. Hierbei handelt es sich um Wirkstoffe, die nicht per se wirksam sind, sondern lediglich durch einen First-Pass-Effekt eine schmerzstillende Wirkung erzeugen. So entfaltet das Arzneimittel erst dann seine analgetische Wirkung, wenn es in der Leberpassage biochemisch in die Abbauprodukte oder auch Metaboliten Nortilidin und Bisnortilidin umgewandelt wurde.

Diese Metaboliten heften sich ähnlich den körpereigenen Endorphinen an die Rezeptoren, die für die Weiterleitung von Schmerzsignalen zuständig sind und unterbrechen dadurch die Signalübertragung. Darüber hinaus besitzt das Schmerzmittel Tilidin eine euphorisierende Wirkung. So fühlen sich die Patienten befreit von Ängsten und entwickeln zum Teil ein regelrechtes Überlegenheitsgefühl, das sich bis zum Größenwahn steigern kann. Diese Wirkungsweise macht das Mittel nicht nur bei Schmerzpatienten, sondern auch bei Personen aus der Drogenszene beliebt, welche die Substanz teilweise auch zur Linderung von Entzugserscheinungen bei einem Heroinentzug einnehmen.

Wann tritt die Wirkung von Tilidin ein und wie lange hält sie an?

Wie schnell die Tilidin-Wirkung eintritt, hängt von der Dosierung und der Darreichungsform ab. Grundsätzlich zeigt eine Injektion den schnellsten Wirkungseintritt. Aber auch Tilidin-Tropfen wirken rasch, meist innerhalb von 5 bis 10 Minuten. Bei der Einnahme von Tilidin-Tabletten dauert es etwa 15 bis 20 Minuten, bis sich eine Linderung des Schmerzes zeigt. Je nach Dosierung wird das Wirkungsmaximum nach 25 bis 50 Minuten erreicht.

Unabhängig von der Darreichungsform hält die Wirkdauer üblicherweise bis zu 6 Stunden an. Eine Ausnahme bilden lediglich Retard-Tabletten, die den Wirkstoff über einen längeren Zeitraum hinweg abgeben und deshalb grundsätzlich länger wirken als Tropfen oder Injektionen.

Wozu dient die Zugabe von Naloxon?

Die meisten Medikamente mit Tilidin enthalten zusätzlich Naloxon. Hierbei handelt es sich um einen sogenannten Opioid-Antagonisten, der die Wirkung von Opioiden hemmt. Dies klingt zunächst widersprüchlich, soll jedoch einen Missbrauch oder eine Überdosierung der Arzneistoffe verhindern.

Damit der schmerzstillende Effekt des Opioids nicht komplett außer Kraft gesetzt wird, wirkt Naloxon erst ab einer bestimmten Dosis. Wenn die euphorisierende und schmerzlindernde Wirkung von Tilidin also durch größere Mengen gesteigert werden soll, wird dies durch den zweiten Inhaltsstoff wirkungsvoll verhindert. Bei einer bereits bestehenden Opiat-Abhängigkeit sollte die Einnahme von Naloxon daher unbedingt vermieden werden, da dieses die Wirkung sämtlicher Opiate unterdrückt und auf diese Weise massive Entzugserscheinungen hervorrufen kann.

Weshalb kann Tilidin abhängig machen?

Der schnelle Wirkungseintritt und die starke schmerzstillende Wirkung führen bei vielen Patienten zu einer rapide sinkenden Schmerztoleranz. Die Betroffenen haben das Gefühl, die dann als unerträglich empfundenen Schmerzen ohne das Medikament nicht aushalten zu können. Diesem Gefühl können sie vermeintlich nur entgehen, indem sie weiterhin zu dem Opioid greifen. In der Folge kommt es zu einer psychischen Abhängigkeit, die durch die stimmungsaufhellenden Nebenwirkungen des Wirkstoffs noch verstärkt wird.

Die Medikamentenabhängigkeit kann sehr schnell erfolgen, so dass bei einer Verordnung immer folgende Vorsichtsmaßnahmen getroffen werden sollten:

  • Aufklärung des Patienten über mögliche Einnahmerisiken und die damit verbundene Suchtgefahr
  • Verordnung der kleinstmöglichen Dosierung
  • Verschreibung ausschließlich zur kurzfristigen Einnahme
  • Exakte Einhaltung der vom Arzt verschriebenen Dosierung

Diese Maßnahmen verringern allerdings lediglich das Suchtrisiko, verhindern aber nicht zwingend eine Abhängigkeit.

Welche Tilidin-Nebenwirkungen sind möglich?

Wie bei vielen anderen Medikamenten auch, kann die Anwendung von Tilidin-Tabletten oder Tilidin-Tropfen unerwünschte Wirkungen hervorrufen. Diese zeigen sich vor allem beim Beginn der Behandlung, können sich aber auch über die gesamte Behandlungsdauer erstrecken. Um das Risiko von Nebenwirkungen zu verringern, wird häufig empfohlen, während der Einnahmedauer auf körperliche Belastungen zu verzichten. Auch das Führen von Fahrzeugen und die Bedienung von Maschinen ist aufgrund von beeinträchtigter Aufmerksamkeit und Reaktionsfähigkeit nur bedingt zu empfehlen.

Typische Tilidin-Nebenwirkungen sind:

  • Übelkeit
  • Erbrechen
  • Durchfall
  • Kopfschmerzen
  • Appetitlosigkeit
  • Benommenheit
  • Schwindel
  • Müdigkeit
  • Schlafstörungen
  • Nervosität
  • Starkes Schwitzen
  • Muskelzuckungen
  • Verwirrtheit
  • Euphorische Stimmung
  • Halluzinationen

Einige der Tilidin-Nebenwirkungen werden durch Naloxon gelindert. Deshalb treten bei Medikamenten, die beide Inhaltsstoffe enthalten, die genannten Magen-Darm-Beschwerden seltener oder in schwächerer Intensität auf.

Welche Kontraindikationen sprechen gegen eine Anwendung des Schmerzmittels Tilidin?

Der Wirkstoff Tilidin ist nicht für alle Patienten geeignet. So sollten Sie das Medikament nicht einnehmen, wenn eines der folgenden Ausschlusskriterien auf Sie zutrifft:

  • Überempfindlichkeit gegenüber dem Wirkstoff
  • Stoffwechselerkrankungen
  • Eingeschränkte Leberfunktion, Leberzirrhose

Grundsätzlich nicht geeignet ist das Medikament für Kinder und Jugendliche unter 14 Jahren, sowie für stillende Mütter. Schwangere Frauen sollten das Mittel nur nach sorgfältigster ärztlicher Abwägung und in der geringstmöglichen Dosierung einnehmen.

Bei gleichzeitiger Einnahme von anderen Medikamenten und Substanzen kann es zu unerwünschten Wechselwirkungen kommen. Dazu gehören hauptsächlich

  • Beruhigungs- und Schlafmittel
  • Andere opioide Schmerzmittel
  • Antidepressiva
  • Gerinnungshemmer
  • Alkohol

Vor allem in Kombination mit Beruhigungsmitteln oder Alkohol kann sich die dämpfende Wirkung auf das Zentralnervensystem bis zu einer Atemdepression verstärken, die im schlimmsten Fall zu Atemlähmung und Tod führen kann. Wird das Mittel gemeinsam mit Gerinnungshemmern eingenommen, kann es zu einer Verlängerung der Blutgerinnungszeit und einem vermehrten Auftreten von Blutungen kommen. Patienten, die Gerinnungshemmer anwenden, sollten ihren Arzt unbedingt darüber informieren. In der Regel ist hier eine engmaschige ärztliche Kontrolle der Gerinnung erforderlich.

Welche Gefahren bringt eine Schmerzmittel-Abhängigkeit mit sich?

Die langfristige Einnahme und/oder Abhängigkeit von Schmerzmitteln kann zum einen dazu führen, dass die Schmerztoleranz der Patienten kontinuierlich sinkt, sodass die Dosis immer weiter erhöht werden muss. Hier spricht man auch von einer Toleranzentwicklung. Gleichzeitig kommt es zu weiteren negativen Folgen, die sich sowohl in körperlichen Beschwerden, als auch psychischen Beeinträchtigungen zeigen können. Nicht selten leiden Betroffene unter:

  • Muskelabbau
  • Gewichtsverlust
  • Schlafstörungen
  • Verlust der Libido
  • Erektionsstörungen
  • Konzentrationsstörungen
  • Depressiven Verstimmungen

Wie lässt sich eine Tilidin-Abhängigkeit behandeln?

Da das Arzneimittel auf Verordnung des Arztes angewendet wird, ist vielen Betroffenen nicht bewusst, dass sie an einer Medikamentenabhängigkeit leiden. Der Weg für eine effektive Behandlung ist allerdings erst dann frei, wenn eine Krankheitseinsicht besteht. Die Behandlung sollte nach Möglichkeit in einer spezialisierten Suchtklinik erfolgen, in der die Betroffenen während des Tilidin-Entzugs rund um die Uhr kompetent betreut und bestens medizinisch versorgt werden. Anders als beim sogenannten “kalten Entzug”, d. h. einer sofortigen Beendigung des Konsums, wird das Medikament in einer Klinik mit ärztlicher Hilfe kontrolliert abgesetzt. Dieses Ausschleichen verhindert die Risiken, die mit einem kalten Entzug einhergehen können. Außerdem können die Entzugserscheinungen durch eine entsprechende Medikation gelindert werden.

Der körperliche Entzug ist allerdings nur der erste Schritt einer erfolgreichen Suchtbehandlung. Zeitgleich – oder zumindest nahtlos anschließend – sollte eine Substanz-Entwöhnung stattfinden. In dieser Phase lernen Patienten, das Leben ohne das Suchtmittel und dessen schmerzstillende Wirkung zu bewältigen. Um Rückfälle zu vermeiden, ist es wichtig, dass die Betroffenen mit ärztlicher Hilfe alternative Schmerzbewältigungsstrategien trainieren und über den stationären Aufenthalt hinaus weitere therapeutische Maßnahmen in Anspruch nehmen. Für einen stabilen Behandlungserfolg ist es weiterhin wichtig, die nächsten Angehörigen in den Entzug einzubeziehen.

 

Süchtig was nun?

Die ersten Schritte in ein besseres Leben.

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