Medikamentensucht-Ursachen: Die häufigsten Gründe für eine Medikamentenabhängigkeit

In Deutschland leben schätzungsweise rund zwei Millionen Menschen, die wissentlich oder unwissentlich an einer Tabletten- bzw. Medikamentensucht leiden. Hierbei handelt es sich um eine Abhängigkeitserkrankung, die vermehrt ältere Menschen und Frauen betrifft. Doch auch junge Erwachsene und Männer greifen zunehmend häufiger zu Pillen und Tropfen – eine Gefahr, die viel zu oft unterschätzt wird. Umso wichtiger ist es, ausführlich über potenzielle Medikamentensucht-Ursachen aufzuklären. Denn wer für ein problematisches Konsumverhalten sensibilisiert ist, kann schneller und gezielter reagieren – im besten Fall, noch bevor sich die Sucht verselbstständigt.

Unterschiede zwischen den verschiedenen Medikamenten

Wenn es um die möglichen Gründe geht, die für die Ausbildung einer Medikamentenabhängigkeit verantwortlich sein können, gilt es zunächst die verschiedenen Arten von Arzneimitteln zu unterscheiden. Wie etliche Gesundheitsreporte und medizinisch-wissenschaftliche Untersuchungen belegen, entwickeln Betroffene vorrangig von den folgenden Medikamenten eine Abhängigkeit:

  • Schmerzmittel
  • Schlafmittel
  • Beruhigungsmittel

Hierbei handelt es sich um Arzneimittelgruppen, deren Wirkstoffe als psychoaktive Substanzen eingestuft werden. Das bedeutet, dass sie im zentralen Nervensystem des Menschen aktiv werden und dort kurz- und langfristig Veränderungen im chemischen Gleichgewicht hervorrufen. Die wichtigsten Substanzgruppen, die hierzulande für Abhängigkeitserkrankungen verantwortlich sind, sind Benzodiazepine, Z-Drugs sowie Opiate und Opioide. All diese Medikamente sind verschreibungspflichtig. Daneben können ebenso andere Arten von (auch nicht verschreibungspflichtigen) Medikamentengruppen abhängig machen:

  • Abführmittel
  • Entwässerungsmittel
  • Nasentropfen und Nasensprays
  • Stimulanzien
  • Alkoholhaltige Arzneimittel

Weshalb kann ein nachlässiger Arzt eine der möglichen Medikamentensucht-Ursachen sein?

Eine Untersuchung im Jahrbuch Sucht besagt, dass rund 1,5 Millionen Menschen in Deutschland von Benzodiazepinen oder analogen Rezeptor-Agonisten abhängig sind und dass im Jahr 2015 rund 1,5 Milliarden Arzneimittel mit Abhängigkeitsrisiko verordnet wurden. Obwohl Benzos stark suchtauslösend sind, kommt es immer wieder vor, dass nachlässig agierende Ärzte und Mediziner Benzodiazepine verschreiben, ohne zu prüfen, ob auch andere Wirkstoffgruppen für die Indikation des Patienten geeignet wären. Oft ist es leider die Unwissenheit vieler Ärzte bezüglich des starken Suchtpotenzials dieser Medikamentengruppe, was dazu verleitet, Benzodiazepine zu verordnen. Sind keine Alternativen vorhanden, obliegt es der Verantwortung des behandelnden Arztes zu überwachen, dass das suchtauslösende Arzneimittel stets nur für einen begrenzten Zeitraum sowie in der kleinstmöglichen Dosis eingenommen wird. In der Praxis sieht es leider oft ganz anders aus.

So gibt es Mediziner, die ihren Patienten oftmals über Jahre hinweg suchtauslösende Psychopharmaka verschreiben und damit mehr oder weniger bewusst das Risiko einer Suchterkrankung eingehen. Vor allem bei älteren Menschen ist dies besonders unbedacht und gefährlich, weil mit steigendem Alter Medikamente schlechter verstoffwechselt und somit auch schlechter vertragen werden. Es gilt die Faustregel, dass ein geriatrischer Patient eigentlich die Hälfte der Normaldosis bekommen sollte. In der Realität erhält dieser oft eher das Doppelte. Gedächtnisstörungen und Gangunsicherheit entstehen, was z.B. im Straßenverkehr gefährlich ist oder zu schweren Stürzen führt. Auch die Ausbildung einer Demenz kann die Folge sein.

Ähnlich verhält es sich, wenn psychoaktive Arzneimittel bei diffusen Beschwerdebildern ohne konkrete Krankheitsursache verordnet werden. Hier lindern die Präparate lediglich die Symptome, helfen aber nicht, das zugrundeliegende Problem bzw. die Erkrankung zu behandeln und fördern stattdessen die Ausbildung einer zusätzlichen Abhängigkeitserkrankung.

In diesen Fällen ist die Medikamentensucht-Ursache also hauptsächlich in einer zu sorglosen Verordnung begründet. Hier spricht man auch von einer iatrogenen Sucht.

Inwiefern kann eine fehlende Aufklärung zu einer Medikamentenabhängigkeit führen?

Eng verbunden mit einer iatrogenen Sucht ist häufig auch eine mangelnde Aufklärung. So gehen viele Patienten noch immer davon aus, dass die meisten Krankheiten und Symptome sich mithilfe von Tabletten, Tropfen und anderen Medikamenten am effektivsten behandeln lassen. Dabei unterschätzen sie häufig die Gefahr der Nebenwirkungen genauso wie das hohe Suchtrisiko der Präparate.

Nicht selten resultiert eine Medikamentensucht daraus, dass Patienten schlichtweg nicht gewusst haben, dass die Wirkung der Medikamente bereits nach kurzer Zeit abhängig machen kann. Die ersten Anzeichen einer psychischen bzw. körperlichen Abhängigkeit werden in diesem Zusammenhang häufig ignoriert oder missdeutet. Weil die Entzugserscheinungen und Nebenwirkungen bei Psychopharmaka oftmals den ursprünglichen Symptomen ähneln, greifen viele Patienten eigenmächtig zu höheren Dosen – nicht wissend, dass sie dadurch die Suchtspirale zusätzlich befeuern und immer weiter in die physische und psychische Abhängigkeit geraten.

Können die Ursachen einer Medikamentensucht genetisch bedingt sein?

Da Abhängigkeitserkrankungen grundlegende gesellschaftliche Probleme widerspiegeln, widmet sich die Forschung seit Jahren der Frage nach den Ursachen dieser Erkrankung. In diesem Zusammenhang wurde von Medizinern ebenfalls eingehend untersucht, ob spezifische Persönlichkeitsstrukturen gefährdeter sind, eine Sucht zu entwickeln. Bisherige Ergebnisse schließen eine sogenannte Suchtpersönlichkeit aus, zeigen jedoch auf, dass es gewisse Persönlichkeitsmerkmale gibt, die eine Abhängigkeit begünstigen können. Ebenso gibt es Persönlichkeitsstörungen, die vielfach mit einer Sucht einhergehen, wie beispielsweise die Borderline-Störung. Auch konnte beobachtet werden, dass Suchterkrankungen gehäuft familiär auftreten. Manche Krankheitsbilder sind ebenfalls öfter mit einer Sucht gekoppelt als andere, z. B. ADHS.

Welchen Einfluss kann die eigene Kindheit als Medikamentensucht-Ursache haben?

In der Kindheit werden viele Weichen für das spätere Leben gestellt – das gilt auch für den Umgang mit Medikamenten. Wer als Kind in einer Familie aufwächst, in der körperliche und psychische Beschwerden immer direkt mit Medikamenten behandelt werden, wird dieses Verhalten mit großer Wahrscheinlichkeit als Erwachsener reproduzieren. Dieses Verhalten ist äußerst riskant, denn je geringer die Hemmschwelle für die Verwendung eines Arzneimittels ist, umso größer ist die Gefahr, auch potenziell suchtauslösende Präparate über einen längeren Zeitraum oder in höherer Dosis zu konsumieren. Auch weiß man, dass psychische Belastungen und Traumata in der Kindheit, sowie ein liebloses und gewaltbereites Elternhaus große Risikofaktoren für die spätere Entwicklung einer Suchterkrankung sind.

Welche Rolle spielen Stress und sozialer Druck?

Stress sowie Leistungs- und Konkurrenzdruck und Überstunden gehören heute für viele Menschen zum Alltag dazu. Die Dauerbelastung sorgt dafür, dass immer mehr Betroffene unter psychischen Erkrankungen und/oder körperlichen Symptomen leiden. Schlafstörungen, Schmerzen im Bewegungsapparat, innere Unruhe, Grübelneigung, Kopfschmerzen, Magen-Darm-Probleme und Depressionen kommen besonders häufig vor. Der Griff zur Tablette verspricht da vermeintlich eine schnelle Hilfe. Ein paar Schmerzmittel am Morgen, um den harten Arbeitstag überstehen zu können, oder eine Schlaftablette am Abend, um endlich abschalten zu können – Stress und Dauerbelastung können durchaus als Medikamentensucht-Ursachen betrachtet werden.

Inwiefern kommen Alter und Geschlecht als Medikamentensucht-Ursache infrage?

Alter und Geschlecht sind nicht per se dafür verantwortlich, dass Betroffene eine Medikamentensucht ausbilden. Schließlich ist diese Erkrankung sowohl bei Männern als auch Frauen sowie über alle Altersgruppen und sozialen Schichten hinweg vertreten. Nichtsdestotrotz zeigen Statistiken, dass Frauen und ältere Menschen häufiger betroffen sind als jüngere Personen oder Männer. Das liegt unter anderem daran, dass Senioren oftmals diffuse Beschwerdebilder und Symptome entwickeln, oder meinen an Schlafstörungen zu leiden, oft ohne zu wissen, dass der Mensch mit steigendem Alter weniger Schlaf benötigt. Diese werden vorrangig mit psychoaktiven Medikamenten behandelt und die Ärzte greifen – wie bereits beschrieben – häufig unbedacht zu Beruhigungs- und Schlafmitteln in zu hohen Dosen. Frauen hingegen leiden oftmals aufgrund ihrer gesellschaftlichen Rolle – vor allem im mittleren Lebensalter – unter den Symptomen von Depressionen oder Angststörungen. Um diese zu lindern und weiter funktionieren zu können, werden ihnen von ihren Ärzten oft Beruhigungsmittel oder Schlaftabletten verordnet. Solange jedoch die zugrundeliegenden Probleme nicht Teil der Behandlung sind, sondern nur die auftretenden Symptome therapiert werden, ist die Suchtgefahr besonders hoch. Da diese Medikamente vielfach nach kurzer Zeit nicht mehr die gewünschte Wirkung erzielen, steigern die Betroffenen oftmals die Dosis Stück für Stück.

Multifaktorielle Konzepte zur Suchtentstehung und die richtige Behandlung

Suchtmedizinische Experten gehen davon aus, dass für eine Medikamentenabhängigkeit nur selten ein einzelner ursächlicher Faktor ausgemacht werden kann. Stattdessen treffen verschiedene gesellschaftliche, soziale und persönliche Faktoren aufeinander und bedingen gemeinsam die Entstehung einer Sucht. Wer sich von seiner Abhängigkeit von Benzodiazepinen oder Opiaten/Schmerzmitteln lösen möchte, sollte sich daher am besten für eine möglichst individuelle Behandlung entscheiden, in der die persönlichen Medikamentensucht-Ursachen aufgearbeitet werden.

Derartige Therapiekonzepte finden sich zumeist in privaten Suchtkliniken. Hier wird zunächst in der Entgiftungsphase die körperliche Abhängigkeit von den Medikamenten behandelt, indem die Dosis unter ärztlicher Aufsicht Stück für Stück reduziert wird, da das Entgiften gefährliche Nebenwirkungen haben kann. Danach wird in der Entwöhnungsbehandlung die seelische Abhängigkeit psychotherapeutisch bearbeitet, also Gründe und Ursachen der Sucht aufgedeckt und Strategien entwickelt, wie der Patient oder die Patientin das zukünftige Verhalten verändern kann. Die Betroffenen entwickeln sozusagen „gesündere Alternativen zum Suchtstoff“ wie z. B. Sport oder Entspannungstechniken.

Alternative Behandlungsmethoden finden sich in öffentlichen Suchtkliniken bzw. Psychiatrien, sowie teilstationär in Tageskliniken und Rehakliniken, wobei hier meistens Entgiftungs- und Entwöhnungsbehandlung entkoppelt werden. Zunächst wird also entgiftet und erst nach einem zeitlichen Abstand entwöhnt, da für die Entwöhnungsbehandlung in einer Rehabilitationseinrichtung eine Kostenzusage benötigt wird. Diese Behandlung ist aber häufig weniger intensiv und individuell. Ebenso ist die Rückfallgefahr zwischen Entgiftung und Entwöhnung sehr hoch, wenn man diese zeitlich voneinander trennt.

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