Medikamentensucht

Tavor®-Abhängigkeit

Tavor®-Abhängigkeit: Das Wichtigste in Kürze

  • Je länger Tavor® eingenommen wird und je höher die Dosierung ist, desto größer ist die Suchtgefahr
  • Grundsätzlich haben Menschen, die bereits eine Suchthistorie mit einem anderen Suchtmittel aufweisen, ein größeres Risiko schneller abhängig zu werden
  • Die Diagnostik einer Tavor®-Abhängigkeit ist im Vergleich zu einer Alkoholsucht oder Drogensucht wesentlich schwieriger, da die Patienten das Mittel von ihrem Arzt verschrieben bekommen
  • Es kommt zu Veränderungen der Persönlichkeit und einer emotionalen Verflachung, viele Betroffene geraten zunehmend in eine soziale Isolation
  • Menschen, die Symptome einer Tavor®-Abhängigkeit aufweisen sollten sich möglichst schnell in eine professionelle Entzugsbehandlung begeben
  • Betroffene sollten keineswegs die Tabletten abrupt und in Eigenregie absetzen, da durch das plötzliche Absetzen starke Entzugssymptome drohen

Ein Medikament, das gegen Angst- und Schlafstörungen und depressive Verstimmungen eingesetzt wird, ist das Benzodiazepin Lorazepam, auch bekannt als Tavor®. Das Gefährliche an diesem Medikament ist das große Suchtpotenzial, das bereits nach 14-tägiger Einnahme zur Entwicklung einer Tavor®-Abhängigkeit führen kann, und die fehlende längerfristige Hilfe sowie die Steigerung der Dosis, wenn der Betroffene merkt, dass die erhoffte Wirkung ausbleibt.

Tavor®-Abhängigkeit: Fragen und Antworten zur Sucht nach Tavor®

Jeder, der schon einmal an einer Depression oder Angststörung gelitten hat, weiß, wie sehr die Lebensqualität durch eine solche Erkrankung eingeschränkt wird und wie unendlich schwer die Bewältigung des Alltags auf einmal scheint. Für viele Betroffene sind daher Medikamente, die eine schnelle Linderung versprechen, buchstäblich ein Rettungsanker in psychischer Not. Eines dieser Mittel ist Lorazepam, das hauptsächlich unter dem Handelsnamen Tavor® vertrieben wird. Dieses wirkt im Vergleich zu neueren Antidepressiva wie SSRI und SSNRI vordergründig durch seine relativ kurze Halbwertszeit schneller gegen Angst- und Schlafstörungen und depressive Verstimmungen und wird daher häufig bei starken und akuten psychischen Belastungen verordnet. Hier erfahren Sie alles Wichtige über die Tavor®-Abhängigkeit.

Wann wird Tavor® eingesetzt?

Aufgrund ihrer sedierenden, anxiolytischen, antikonvulsiven, amnestischen und muskelrelaxierenden Wirkung werden Benzodiazepine wie Lorazepam in zahlreichen medizinischen Bereichen eingesetzt; sei es bei psychiatrischen Problemen, im Rettungsdienst oder zur Sedierung vor operativen Eingriffen. Der ebenfalls zur Gruppe der Benzodiazepine gehörende Wirkstoff Diazepam wurde von der WHO als unentbehrliches Arzneimittel deklariert. Diese äußerst positiven Effekte sind allerdings lediglich bei kurzfristiger Einnahme und in Notfällen zu verzeichnen und können sich bei längerem Gebrauch schnell ins Gegenteil verkehren. Das Fatale daran ist, dass viele Patienten, die Lorazepam oder ein anderes Benzodiazepin als Dauermedikation einnehmen, sich dieses Risikos aufgrund mangelnder Aufklärung nicht einmal bewusst sind. Schließlich erhalten sie die Substanz auf Rezept und konsumieren sie nicht zu Rauschzwecken.

Was macht eine langfristige Behandlung mit Tavor® so gefährlich?

Je länger Tavor® eingenommen wird und je höher die Dosierung ist, desto größer ist die Suchtgefahr. Bereits nach zweiwöchiger Einnahme können beim Absetzen des Medikaments erste Entzugserscheinungen auftreten. Darüber hinaus werden die Angst und / oder die Depression zwar weniger stark wahrgenommen, aber auch positive Gefühle wie Freude oder Zufriedenheit werden durch Tavor®gedämpft. Schwindel, Müdigkeit und Benommenheit stellen sich ein, die Patienten haben gewissermaßen das Gefühl neben sich zu stehen. Darunter leidet die Reaktionsgeschwindigkeit, so dass eine aktive Teilnahme am Straßenverkehr oder das Führen von Maschinen nur bedingt möglich sind. Bei älteren Menschen besteht eine erhöhte Sturzgefahr, die im hohen Lebensalter nicht selten zu komplexen Frakturen wie einem Oberschenkelhalsbruch führt.

Warum macht Tavor® abhängig?

Benzodiazepine wie Lorazepam zählen zu den sogenannten psychoaktiven / psychotropen Wirkstoffen und wirken direkt auf das zentrale Nervensystem (ZNS) ein. Sie überwinden die Blut-Hirn-Schranke und verstärken durch das Andocken an die GABA-A-Rezeptoren den beruhigenden Effekt des Botenstoffs Gamma-Amino-Buttersäure (GABA). Angst- und Panikgefühle werden reduziert, es kann zu Schläfrigkeit kommen. Über kurz oder lang stellt sich der gesamte Neurotransmitter-Stoffwechsel auf die Wirkung von Lorazepam ein und verliert die Fähigkeit zur Selbstregulierung. Das Gehirn lernt, den Konsum von Tavor® mit einem Belohnungseffekt zu verknüpfen (Craving), der stärker als natürliche Reize wahrgenommen wird und daher vom Suchtkranken immer wieder erlebt werden möchte. Das für eine Abhängigkeit typische Suchtgedächtnis entsteht, das den Suchtkranken selbst nach einem erfolgreichen Tavor®-Entzug das ganze Leben begleitet.

Wie schnell macht Tavor® abhängig?

Die Gefahr einer Tavor®-Abhängigkeit besteht grundsätzlich ab einem zweiwöchigen Einnahmezeitraum. Dennoch verläuft die Entwicklung einer Abhängigkeit immer individuell. So kann es bei einigen Patienten unter Umständen bereits nach 12 Tagen zu einer Sucht kommen. Grundsätzlich haben Menschen, die bereits eine Suchthistorie mit einem anderen Suchtmittel aufweisen, ein größeres Risiko schneller abhängig zu werden. Das Gleiche gilt für Menschen, die sich bei der Bewältigung ihrer Krankheit ausschließlich auf das Medikament verlassen und keine psychologische Hilfe in Anspruch nehmen.

Was ist eine Tavor®-Abhängigkeit?

Die Diagnose-Kriterien einer Medikamentensucht sind im ICD-10 Diagnosemanual der WHO eindeutig definiert. So müssen mindestens 3 der nachfolgend genannten Kriterien innerhalb des letzten Jahres gemeinsam aufgetreten sein:

  • Ein starkes Verlangen (Craving) nach dem Wirkstoff Lorazepam aufgrund des entstandenen Suchtgedächtnisses
  • Kontrollverlust bzgl. Menge und Zeitpunkts der Einnahme der Tavor®-Tabletten oder von Tavor® Expidet
  • Körperliche und psychische Absetzerscheinungen nach Konsumstopp oder Einnahmeverzögerung
  • Konsumsteigerung aufgrund einer Toleranzentwicklung
  • Dem Konsum von Tavor® werden alle anderen Interessen und Lebensbereiche untergeordnet
  • Anwendung wird trotz negativer Nebenwirkungen fortgesetzt

Dennoch ist die Diagnostik einer Tavor®-Abhängigkeit im Vergleich zu einer Alkoholsucht oder einer Drogensucht wesentlich schwieriger, da die Patienten das Mittel nicht zur Rauscherzeugung einnehmen, sondern von ihrem Arzt verschrieben bekommen. Anders als bei einer Opiat-Abhängigkeit tritt meist kein euphorisierender Effekt auf, so dass es in der Regel zu keinem Kontrollverlust kommt. Die Patienten bleiben normalerweise bei der vom Arzt verordneten niedrigen Dosis (Low-dose-Abhängigkeit) und befinden sich durch den mit einer längeren Einnahmezeit verbundenen Gewöhnungseffekt ständig in einer Unterdosierung. Aus Angst vor negativen Folgen im Alltag nehmen sie das Mittel dennoch weiter ein, obwohl die Dosis für den tatsächliche Wirkeffekt nicht mehr ausreicht, sondern nur noch die Entzugserscheinungen und das Suchtverlangen unterdrückt.

Was ist eine primäre Hochdosisabhängigkeit?

Das Gegenteil zur Niedrigdosisabhängigkeit ist die sogenannte primäre Hochdosisabhängigkeit. Hier erhöhen die Patienten über einen längeren Zeitraum eigenmächtig die Dosierung, so dass das Beruhigungsmittel zunehmend in hohen Dosen eingenommen wird. Erhalten die Betroffenen die dafür erforderliche Menge an Lorazepam nicht von ihrem Hausarzt, wechseln sie meist den Arzt oder suchen mehrere Mediziner auf.

Welche weiteren Formen einer Tavor®-Abhängigkeit gibt es?

Abseits vom medizinischen Gebrauch werden Benzodiazepine in bestimmten Kreisen als sogenannte Downer im Wechsel mit Stimulanzien eingenommen. Die Konsumenten nutzen sie, um das durch Kokain oder Amphetamin künstlich erzeugte Hoch vorzeitig zu beenden. Der Körper wird durch ein solches Konsumverhalten stark belastet, häufig entsteht eine Mehrfachabhängigkeit nach dem Stimulans und dem Downer. Im Vergleich zu einer medizinisch bedingten Medikamentenabhängigkeit ist der Anteil allerdings verschwindend gering.

Von einer sekundären Hochdosisabhängigkeit spricht man, wenn sich die Lorazepam-Abhängigkeit als Folge einer Suchtverlagerung ergibt. In einem solchen Fall bestand zunächst eine Abhängigkeit von einem anderen Suchtmittel, beispielsweise Alkohol, die erfolgreich behandelt wurde. Dennoch gelingt es dem Patienten nicht, sein Leben ohne eine psychotrope Substanz zu meistern, so dass auf einen anderen Wirkstoff umgestiegen wird. Auch diese Art der Abhängigkeit von Tavor® oder einem anderen Benzodiazepin ist eher selten.

Was sind die Folgen einer Tavor®-Abhängigkeit?

Neben den oben aufgeführten Risiken kann es zu paradoxen Reaktionen kommen, d. h. das ursprüngliche Krankheitsbild wird durch das Benzodiazepin als noch stärker empfunden. Je nach Indikation kehren Schlafstörungen, Depressionen oder Ängste / Panikattacken zurück. Die Gefahr für eine Dosiserhöhung steigt, da die Betroffenen durch die ursprüngliche Dosierung keine Linderung mehr erfahren.

Darüber hinaus kommt es zu Veränderungen der Persönlichkeit und der bereits erwähnten emotionalen Verflachung. Viele Tavor®-Patienten ziehen sich aus familiären und freundschaftlichen Beziehungen zurück und geraten zunehmend in eine soziale Isolation. Schlimmstenfalls bilden sich suizidale Tendenzen aus.

Kann man eine Tavor®-Abhängigkeit verhindern?

Der beste Schutz vor einer Benzodiazepin-Abhängigkeit ist ein bewusster Umgang des Patienten mit Medikamenten. Dies gilt nicht nur für den Wirkstoff Lorazepam, sondern auch für alle anderen Medikamente. Ein Gespräch mit dem behandelnden Arzt über mögliche Nebenwirkungen und die Lektüre des Beipackzettels geben einen ersten Überblick über die Risiken eines bestimmten Arzneimittels. In der Therapie affektiver Störungen ist es wichtig, sich nicht nur auf die Behandlung durch das Medikament zu verlassen, sondern auch alternative Therapiemöglichkeiten in Anspruch zu nehmen, beispielsweise eine Psychotherapie, Entspannungsmethoden oder Sport. Um wirksam zu sein, sollten die gewählten Methoden der individuellen Persönlichkeit des Patienten bestmöglich entsprechen.

Worauf sollten Ärzte vor der Verschreibung von Tavor® achten?

Leider werden Benzodiazepine noch immer viel zu häufig zur langfristigen Einnahme verschrieben. Dies gilt besonders für ältere Patienten, die Tavor® oft jahrelang gegen Schlafstörungen und innere Unruhe einnehmen. Auch von den Ärzten ist hier ein klares Umdenken, eine Nutzen-Risiko-Abwägung und eine Verordnung nach der 4-K-Regel gefragt. Diese lautet:

  • Klare Indikation: Keine Verordnung für Suchtpatienten, eindeutige Indikationsstellung und umfangreiche Aufklärung
  • Korrekte Dosierung: Geringe Packungsgrößen und kleinstmögliche Dosierung
  • Kurze Anwendung: Regelmäßige Kontrollen und ein fest definiertes Ende der Einnahme
  • Kein abruptes Absetzen: Langsames Ausschleichen zur Vermeidung von Entzugssymptomen und Rebound-Effekten. Alle Einnahmen unter 2 Wochen kann man jedoch relativ zügig absetzen.

Was tun bei Tavor®-Abhängigkeit?

Menschen, die Symptome einer Tavor®-Abhängigkeit aufweisen und den festen Willen haben, diese zu beenden, sollten sich möglichst schnell in eine professionelle Entzugsbehandlung begeben und keineswegs die Tabletten abrupt und in Eigenregie absetzen. Durch das plötzliche Absetzen drohen starke Tavor®-Entzug-Symptome, die in seltenen Fällen zu epileptischen Anfällen führen können. Ebenso kann es aufgrund der Absetzerscheinungen zu vorzeitigen Therapieabbrüchen kommen. Je früher die Behandlung beginnt, desto kürzer und komplikationsloser verläuft sie in der Regel.

Wie läuft der Tavor®-Entzug ab?

Der Entzug selbst erfolgt in vier unterschiedlichen Phasen, die allesamt durchlaufen werden müssen, um die Abstinenz langfristig im Leben zu stabilisieren. So folgt auf eine Motivationsphase, in welcher der Patient den Entschluss zur Behandlung fasst, zunächst eine körperliche Entgiftung. In dieser wird der Körper vollständig von dem Benzodiazepin und seinen Metaboliten entgiftet. Lorazepam wird fraktioniert, d. h. in kleinen Schritten ausgeschlichen, um die Entzugserscheinungen so gering wie möglich zu halten. Dies kann – auch aufgrund der Depotwirkung von Benzodiazepinen – mehrere Wochen bis Monate dauern.

Um die psychische Abhängigkeit zu durchbrechen, folgt auf die Entgiftungsbehandlung eine Entwöhnung, in der in einer umfangreichen Psychotherapie die Ursachen der Medikamentensucht aufgearbeitet und durch alternative Lösungsstrategien ersetzt werden. Der Suchtkranke erfährt, warum das Medikament für ihn so wichtig ist und kann sich durch dieses Verständnis besser vom Suchtmittel lösen. Dazu gehört in der Regel ebenfalls eine Rückfallprävention, in der auf belastende Alltagssituationen eingegangen wird.

Durch das entstandene Suchtgedächtnis kann sich der Suchtkranke nie als vollständig geheilt betrachten und sollte sich daher auch nach dem Entzug weiter mit seiner Tavor®-Sucht auseinandersetzen. Dies gilt auch für alle anderen Suchterkrankungen. Normalerweise wird hierzu regelmäßig ein wohnortnaher Nachsorgetherapeut aufgesucht. Ebenso kann der Besuch einer Selbsthilfegruppe und der Austausch mit anderen Betroffenen hilfreich sein.

 

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