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Trauma und Sucht

Wissen in 30 Sekunden

Hier finden Sie das Thema kurz und kompakt zusammengefasst.

  • Körperliches Trauma: Das Wort Trauma bedeutet ursprünglich „Wunde“. In der Medizin wird es daher meist für (schwere) körperliche Verletzungen, zum Beispiel nach einem Unfall oder einem Gewaltereignis verwendet. Davon zu unterscheiden sind psychische Traumata und Traumafolgen.
  • Psychische Traumata: Potenziell traumatisierende Ereignisse sind solche von extrem bedrohlichem oder entsetzlichem Ausmaß. Sie können zu einer Traumafolgestörung führen, die sich unter anderem durch Wiedererleben, Vermeidung und ein anhaltendes Gefühl von Bedrohung zeigt.
  • Sucht bzw. Abhängigkeit: Medizinisch unterscheidet man Störungen durch Substanzkonsum (z. B. Alkohol, Nikotin, Cannabis, Opioide, Kokain, Stimulanzien, Beruhigungs- und Schlafmittel) von Störungen durch abhängiges Verhalten, z. B. Computer- oder Glücksspielstörung.
  • Zusammenhang: Traumatische Erfahrungen und Traumafolgestörungen können das Risiko für Suchterkrankungen erhöhen, wenn Betroffene z. B. Substanzen oder bestimmtes Verhalten zur kurzfristigen Linderung von Anspannung, Schlafproblemen oder belastenden Erinnerungen einsetzen.
  • Individuelles Risiko: Das Risiko für die Entwicklung einer Traumafolgestörung oder einer Abhängigkeitserkrankung hängt von vielen Faktoren ab, z. B. der Art und Dauer der Belastung, psychischen Erkrankungen, biologischer Veranlagung, Resilienz, sozialem Rückhalt und Bewältigungsstrategien.
  • Behandlung: Wenn Trauma und Sucht zusammen auftreten, sollten beide Störungsbilder parallel behandelt werden, weil sich die Probleme ansonsten gegenseitig verstärken können.
  • Erfolgschancen: Auch bei einer Kombination aus Trauma und Sucht bestehen wirksame Behandlungsmöglichkeiten. Wichtig sind eine präzise Diagnostik, ein passendes Therapiekonzept, ausreichende Stabilisierung und eine langfristige Nachsorge.

Was ist ein psychisches Trauma?

Ein psychisches Trauma im klinischen Sinn meint nicht alltägliche Belastungen, sondern die Konfrontation mit einem potenziell traumatisierenden Ereignis von außergewöhnlicher Bedrohung oder Entsetzlichkeit, also Erlebnisse mit tatsächlichem oder drohendem Tod, schwerer Verletzung oder sexueller Gewalt, etwa schwere Unfälle, Überfälle, Kriegserlebnisse, Folter, Vergewaltigung oder sexueller Kindesmissbrauch. Ob sich daraus eine Traumafolgestörung wie eine Posttraumatische Belastungsstörung (PTBS) entwickelt, hängt davon ab, ob typische Symptome wie Wiedererleben, Vermeidung und eine anhaltende Bedrohungswahrnehmung über die Zeit bestehen und den Alltag deutlich beeinträchtigen.

Wie hängen Trauma und Sucht miteinander zusammen?

Traumatisierte Menschen haben ein höheres Risiko für die Entwicklung einer Abhängigkeitserkrankung. Umgekehrt kann ein problematischer Substanzkonsum das Risiko für potenziell traumatisierende Erlebnisse erhöhen. Dabei können folgende Mechanismen eine Rolle spielen:

  • Selbstmedikation und Spannungsregulation: Menschen mit Traumafolgesymptomen nutzen Alkohol, Drogen oder andere Suchtmittel mitunter, um innere Anspannung, Schlafstörungen, Angst oder belastende Erinnerungen kurzfristig zu dämpfen.1
  • Vermeidung und kurzfristige Entlastung: Wenn der Konsum bestimmter Substanzen vorübergehend Erleichterung verschafft, kann er sich verfestigen und damit die Entwicklung oder Aufrechterhaltung einer Suchterkrankung begünstigen.
  • Erhöhtes Risiko für weitere Belastungen: Eine Abhängigkeitserkrankung kann die Risikobereitschaft erhöhen und die Impulskontrolle beeinträchtigen. Dadurch steigt die Wahrscheinlichkeit, in Unfälle und Gewalt verwickelt zu werden oder Opfer von potenziell traumatisierenden Erfahrungen wie körperlicher oder sexueller Gewalt zu werden.
Entzugserscheinungen Alkohol: Helfende Hand unterstützt traurige Frau
Entzugserscheinungen Alkohol: Helfende Hand unterstützt traurige Frau

Welche traumatischen Erfahrungen erhöhen das Suchtrisiko?

Menschen, die früh im Leben oder über längere Zeit schweren Belastungen ausgesetzt sind, besonders wenn die Ereignisse von anderen Menschen verursacht werden oder wenn sie sich wiederholen, haben ein erhöhtes Risiko für die Entwicklung einer Abhängigkeitserkrankung. Solche Erfahrungen sind beispielsweise:

  • Belastungen in der Kindheit: Vernachlässigung, schwere Konflikte in der Familie über einen längeren Zeitraum, körperliche, sexuelle und seelische Gewalt, Aufwachsen in einem Umfeld mit Sucht oder großer Instabilität.
  • Von Menschen verursachte traumatische Erfahrungen: Überfälle, körperliche Gewalt, sexualisierte Gewalt, häusliche Gewalt, Krieg, Folter oder wiederholte Übergriffe.
  • Nicht von Menschen verursachte traumatische Erfahrungen: schwere Unfälle, lebensbedrohliche Erkrankungen, Naturkatastrophen oder andere Ereignisse, bei denen Menschen extrem bedroht sind.
  • Wiederholte oder lange andauernde Gewalt: zum Beispiel anhaltende Misshandlung, wiederholte Viktimisierung oder über längere Zeit bestehende häusliche Gewalt.
  • Belastende indirekte Erfahrungen: wenn Menschen beruflich oder als enge Angehörige immer wieder mit extrem belastenden Situationen konfrontiert sind, etwa im Rettungsdienst, in der Pflege oder in der Notaufnahme.

Auch Erfahrungen wie Mobbing oder wiederholte Demütigungen können sehr belastend sein und das Risiko für problematischen Konsum erhöhen, wenngleich sie in der Regel nicht als „Trauma“ im engen medizinischen Sinn eingeordnet werden.

Welche Süchte kommen bei Traumatisierten besonders häufig vor?

Menschen mit PTBS haben im Vergleich zur Allgemeinbevölkerung ein deutlich erhöhtes Risiko für Suchterkrankungen.2 Besonders häufig beschrieben sind Störungen durch Alkohol und Nikotin sowie Abhängigkeit von Opioiden, gefolgt von Cannabis, Stimulanzien und der Fehlgebrauch von Beruhigungs- und Schlafmitteln. Viele Betroffene konsumieren dabei nicht nur eine Substanz, sondern kombinieren mehrere Rauschmittel.3

Woran kann man erkennen, ob eine Suchterkrankung die Folge einer Traumafolgestörung sein könnte?

Das lässt sich nicht sicher an einzelnen Symptomen erkennen. Wenn jedoch typische Anzeichen einer Abhängigkeit zusammen mit Hinweisen auf eine Traumafolgestörung auftreten und sich der Konsum vor allem in Phasen starker Anspannung, belastender Erinnerungen oder innerer Unruhe verstärkt, kann das auf einen Zusammenhang hindeuten. Ob tatsächlich eine Traumafolgestörung und eine Suchterkrankung gemeinsam vorliegen und miteinander zusammenhängen, lässt sich nur durch eine fachliche Abklärung beurteilen.

 

  • Mögliche Hinweise auf eine Sucht
    • Der Konsum bestimmter Substanzen erfolgt häufiger, ausgeprägter oder länger als eigentlich geplant.
    • Es fällt schwer, den Konsum zu begrenzen oder ganz darauf zu verzichten.
    • Alkohol, Drogen oder Medikamente werden insbesondere in belastenden Situationen konsumiert.
    • Der Konsum führt zu Problemen im Alltag, in Beziehungen, im Beruf oder für die Gesundheit, wird aber trotzdem fortgesetzt.
    • Je nach Substanz und Konsummuster können bei Konsumpausen auch Entzugssymptome auftreten.
  • Mögliche Hinweise auf eine Traumafolgestörung
    • Belastende Erinnerungen drängen sich immer wieder auf, etwa als innere Bilder, Albträume oder starke körperliche Stressreaktionen.
    • Bestimmte Orte, Gespräche, Menschen oder Gefühle werden vermieden, weil sie an das Erlebte erinnern.
    • Es besteht eine anhaltende innere Alarmbereitschaft, zum Beispiel mit Schreckhaftigkeit, Anspannung, Reizbarkeit oder Schlafstörungen.
    • Zusätzlich können Schuld, Scham, emotionale Taubheit oder Rückzug auftreten.
  • Hinweise darauf, dass Sucht und Trauma zusammenhängen könnte
    • Der Konsum nimmt vor allem dann zu, wenn Erinnerungen, Albträume, Angst oder starke Anspannung auftreten.
    • Alkohol, Drogen oder Medikamente werden gezielt genutzt, um schlafen zu können, Gefühle abzustumpfen oder Erinnerungen zu verdrängen.
    • Kurzfristige Entlastung durch den Konsum führt langfristig zu mehr Problemen, sodass ein belastender Kreislauf entsteht. Diese Form der Symptombewältigung wird in der Forschung als Versuch der Selbstmedikation bezeichnet.

Grafik zum Thema Trauma

Warum entwickelt nicht jede traumatisierte Person eine Sucht?

Ob sich ein problematischer Konsum oder eine Abhängigkeit entwickelt, hängt vom Zusammenspiel mehrerer biologischer, psychischer und sozialer Faktoren ab. Potenziell traumatisierende Erfahrungen können das Risiko erhöhen, führen aber nicht zwangsläufig zu einer Suchterkrankung. Folgende Faktoren können, je nach Ausprägung, das Risiko einer Erkrankung erhöhen oder schützend wirken.

  • Individuelle und soziale Schutzfaktoren: Selbstwirksamkeit, Problemlösefähigkeiten und unterstützende Beziehungen. Diese Faktoren können schützen, wirken aber nicht in jeder Situation gleich stark.
  • Art, Zeitpunkt und Ausmaß der Belastung: Das Risiko ist im Durchschnitt höher, wenn potenziell traumatisierende Erfahrungen früh im Leben auftreten, sich wiederholen oder über längere Zeit anhalten. Für belastende Kindheitserfahrungen gibt es in Hinweise auf einen Dosis-Wirkung-Zusammenhang: Je mehr solcher Erfahrungen zusammenkommen, desto höher ist im Mittel das Risiko für spätere gesundheitsschädliche Folgen, darunter auch problematischer Substanzkonsum.4
  • Soziale Unterstützung: Metaanalysen zeigen einen eher kleinen bis moderaten Zusammenhang zwischen sozialer Unterstützung und posttraumatischen Symptomen. Unterstützung kann entlasten, gleichzeitig können starke Symptome Beziehungen belasten.
  • Umfeld und Lebensbedingungen: Verfügbarkeit von Alkohol oder anderen Substanzen, Vorbilder im Umfeld, soziale Instabilität und der Zugang zu Hilfen können mit beeinflussen, ob sich problematischer Konsum eher verfestigt und ob Betroffene früh Unterstützung erhalten.
  • Genetische und biologische Faktoren: Genetische Einflüsse können die Anfälligkeit für eine Abhängigkeitserkrankung erhöhen. Die individuelle Vulnerabilität ergibt sich aus dem Zusammenspiel zwischen Umwelt und eigener Lebensgeschichte.
  • Umgang mit Belastungen: Wenn Substanzen genutzt werden, um Anspannung, Schlafprobleme oder belastende Gefühle kurzfristig zu dämpfen, kann das problematischen Konsum begünstigen.
  • Bewältigungsstrategien: Hilfreiche Bewältigungsstrategien und eine gute Emotionsregulation können das Risiko für problematischen Konsum senken. Umgekehrt kann vermeidendes Coping, insbesondere Substanzkonsum zur kurzfristigen Entlastung von Anspannung und Schlafproblemen die Aufrechterhaltung einer Suchterkrankung begünstigen. Potenziell hilfreiche Alternativen sind körperliche Aktivität, kreative Tätigkeiten oder andere alltagsstabilisierende Routinen.

Wie werden Trauma und Sucht diagnostiziert?

Die Diagnostik erfolgt durch Fachärztinnen und Fachärzte für Psychiatrie und Psychotherapie oder durch Psychotherapeutinnen und Psychotherapeuten mit trauma- und suchtbezogener Erfahrung. In einer strukturierten Abklärung werden Substanzkonsum und psychische Symptome erhoben, mit diagnostischen Kriterien abgeglichen, körperliche Folgen geprüft und akute Risiken wie Intoxikation, Entzugskomplikationen oder Suizidalität ausgeschlossen.

  • Anamnese zu Substanzkonsum und abhängigen Verhaltensweisen
    • Erfragt wird, welche Substanzen konsumiert werden, zum Beispiel Alkohol, Cannabis, Nikotin, Opioide, Stimulanzien sowie Beruhigungs- oder Schlafmittel. Zusätzlich wird nach suchtbezogenen Verhaltensweisen gefragt, vor allem Glücksspiel. Erfasst werden Art, Menge und Häufigkeit, typische Konsumsituationen und Auslöser, der Zeitpunkt des ersten Konsums, Veränderungen über die Zeit sowie Phasen des Reduzierens oder Aufhörens.
    • Zur Einordnung werden gezielt Kriterien abgefragt wie Kontrollverlust, starkes Verlangen, zunehmender Vorrang des Konsums, fortgesetzter Konsum trotz negativer Folgen sowie je nach Substanz Toleranzentwicklung und Entzugssymptome. Außerdem wird geklärt, ob Mischkonsum, Konsum in riskanten Situationen oder wiederholte Rückfälle vorliegen.
  • Anamnese potenziell traumatisierender Erfahrungen und Traumafolgesymptome
    • Es wird behutsam geklärt, ob potenziell traumatisierende Ereignisse vorliegen und ob danach typische Traumafolgesymptome aufgetreten sind. Dazu gehören:
      • Wiedererleben: sich aufdrängende Erinnerungen, Albträume, Flashbacks oder starke körperliche Stressreaktionen bei Erinnerungsreizen
      • Vermeidung: Meiden von Orten, Menschen, Gesprächen oder Situationen, die an das Ereignis erinnern
      • Anhaltende Alarmbereitschaft: Schlafstörungen, Schreckhaftigkeit, Reizbarkeit, Konzentrationsprobleme, ständige Anspannung
    • Wichtig für die diagnostische Einordnung ist, seit wann die Symptome bestehen, wie häufig sie auftreten und wie stark sie Alltag, Arbeit und Beziehungen beeinträchtigen. Bei Verdacht auf komplexe PTBS und Sucht wird zusätzlich nach anhaltenden Schwierigkeiten mit Emotionsregulation, einem stark negativen Selbstbild und dauerhaften Beziehungsproblemen gefragt.
  • Körperliche Diagnostik und Labor
    • Die körperliche Untersuchung und Laboranalysen dienen dazu, Folgen des Konsums, Begleiterkrankungen und andere mögliche Ursachen der Beschwerden zu erkennen. Bei Bedarf werden Substanznachweise eingesetzt, um aktuellen Konsum oder Mischkonsum zu klären. Das ersetzt keine Diagnose, kann aber bei der Einschätzung helfen.
  • Risikoabklärung und Handlungsplanung
    • Im Rahmen der Diagnostik wird geprüft, ob akute Risiken vorliegen, die sofortiges Handeln erfordern. Dazu zählen insbesondere Entzugsrisiken und mögliche Komplikationen, Intoxikation oder Mischkonsum mit Überdosierungsrisiko, Suizidgedanken, Selbstverletzung oder Fremdgefährdung sowie laufende Gewalt oder erneute Traumatisierung. Zusätzlich werden mögliche gefährliche Wechselwirkungen zwischen Substanzen und Medikamenten und schwere körperliche Komplikationen berücksichtigt. Auf Basis dieser Einschätzung wird festgelegt, welche Maßnahmen vorrangig sind.
      • Bei hohem Entzugs- oder Überdosierungsrisiko steht eine Entzugsbehandlung oder eine akute medizinische Versorgung im Vordergrund.
      • Bei erhöhter Suizidalität oder akuter Gefährdung erfolgt eine sofortige Krisenintervention und Schutzplanung.
      • Bei relevanten körperlichen Folgeschäden wird eine medizinische Mitbehandlung eingeleitet.
      • Wenn die Situation stabil genug ist, wird die weitere Behandlung geplant, zum Beispiel eine integrierte oder eng abgestimmte Psychotherapie bei Suchterkrankung und Traumafolgesymptomen sowie Rückfallprävention und Nachsorgeangebote.

Wie sieht die Behandlung von Trauma und Sucht aus?

Für Suchtkranke mit PTBS empfehlen die S3-Leitlinien eine integrierte psychotherapeutische Behandlung. Das bedeutet, dass traumabezogene Symptome und suchtbezogene Probleme in einem gemeinsamen Behandlungsplan bearbeitet werden, anstatt erst die eine und später die andere Problemlage. Ziel ist eine klinisch relevante Reduktion der PTBS-Symptomatik und eine Verbesserung des Konsumverlaufs.

 

  • Stationäre Behandlung
    • Eine Behandlung in einer Klinik kann sinnvoll sein, wenn Entzug, Mischkonsum, akute Krisen oder eine hohe Rückfallgefährdung vorliegen oder wenn Patientinnen und Patienten für die Stabilisierung und Therapie einen geschützten Rahmen benötigen.
    • In öffentlichen Strukturen findet die Entgiftung häufig im Krankenhaus oder auf spezialisierten Entgiftungsstationen statt, während sich eine anschließende Entwöhnungsbehandlung häufig in Rehakliniken anschließt. Zwischen diesen Phasen kann es zu Wartezeiten kommen, die das Rückfallrisiko erhöhen können, wenn in dieser Zeit keine engmaschige ambulante Überbrückung gelingt. Einige Fachkliniken bieten Entzug und weiterführende Entwöhnungs- und Psychotherapiebausteine in einem integrierten Setting an, wodurch Übergänge erleichtert und Behandlungszeiten im Einzelfall verkürzt werden können.
  • Phasenorientierte Behandlung
    • Bei Doppeldiagnosen ist in der Regel eine Behandlung in einer spezialisierten Klinik sinnvoll. Zunächst werden Intoxikation, mögliche Entzugskomplikationen und Suizidalität behandelt. Danach folgen Stabilisierung und Rückfallprävention. Verfahren der Traumatherapie werden erst eingesetzt, wenn es der Zustand des Patienten erlaubt und eine ausreichende Verhaltenskontrolle besteht.
  • Therapiebausteine
    • Ziel der Behandlung ist eine Reduktion der PTBS-Symptomatik und das Erreichen von Abstinenz bzw. einer stabilen Konsumkontrolle mit deutlicher Reduktion von Suchtdruck und Rückfallrisiko. Hierfür werden verschiedene Verfahren individuell kombiniert. PTBS-spezifische Ansätze der kognitiven Verhaltenstherapie werden in suchttherapeutische Behandlungselemente integriert.5
    • Eine Traumatherapie umfasst u. a. Psychoedukation zu den belastenden Symptomen Wiedererleben, Vermeidung und innere Alarmbereitschaft, die Arbeit an belastenden Gefühlen wie Schuld und Scham sowie eine schrittweise Bearbeitung von Erinnerungen und Auslösern im individuellen therapeutischen Setting. Parallel bleibt der Fokus auf Rückfallprävention, weil nach emotional herausfordernden Sitzungen kurzfristig mehr Anspannung oder Konsumdruck auftreten kann. Dafür werden bestimmte Techniken, sogenannte Skills, eingeübt, die bei Übererregung und Craving helfen können. Außerdem wird ein konkreter Krisenplan erstellt.
  • Medikamente
    • Medikamente werden in den Leitlinien bei der Komorbidität PTBS und alkoholbezogene Störung nicht als eigenständige Standardlösung empfohlen. In der Praxis können sie je nach Einzelfall unterstützend geprüft werden, etwa im Rahmen einer Entzugsbehandlung oder zur Rückfallprophylaxe bei alkoholbezogener Störung. Medikamentöse Maßnahmen können eine traumafokussierte Psychotherapie nicht ersetzen, sondern nur ergänzen, wenn Symptome dies erforderlich machen, z. B. bei Schlafstörungen oder Depressionen.
  • Verlauf und Dauer
    • Die Behandlungsdauer ist abhängig vom Schweregrad der Suchterkrankung, der Ausprägung der Traumafolgestörung, psychischen und körperlichen Begleiterkrankungen sowie der psychosozialen Stabilität. Bei alkoholbezogenen Störungen beginnt die Entzugsbehandlung in der Regel mit einer körperlichen Entgiftung und einer psychischen Stabilisierung. Daran schließt sich die psychische Entwöhnung an und die psychotherapeutische Aufarbeitung von Suchtursachen und -auslösern sowie die Behandlung der PTBS-Symptome. Dies nimmt in der Regel mehrere Wochen in Anspruch.
  • Nachsorge
    • Nach Abschluss einer stationären Behandlung ist eine strukturierte Nachsorge wichtig, weil Rückfallrisiken und Belastungsspitzen im Alltag häufig fortbestehen. Zentral ist die ambulante Fortführung der Therapie. Ergänzend können Selbsthilfegruppen genutzt werden. Bei erneuten Krisen können je nach Region und Anbieter auch kurze, zeitlich begrenzte Intervallangebote oder Krisenbehandlungen sinnvoll sein.
Frau, die sich schmerzhaft an den Kopf fasst
Frau, die sich schmerzhaft an den Kopf fasst

Was kann man tun, wenn man von PTBS und Sucht betroffen ist?

PTBS und Suchterkrankungen lassen sich in der Regel nicht allein durch Willenskraft überwinden. Deshalb ist es wichtig, Anzeichen einer Traumatisierung und einer Abhängigkeitserkrankung wahrzunehmen und ernst zu nehmen und sich frühzeitig ärztliche und/oder psychotherapeutische Hilfe zu suchen, damit sich Symptome und Verhaltensmuster nicht verfestigen.

  • Alltag so weit wie möglich stabilisieren: Tagesstruktur, Schlafzeiten, regelmäßige Mahlzeiten und kurze Bewegungseinheiten können helfen, Belastungsspitzen zu reduzieren. Das kann bei manchen Patientinnen und Patienten auch den Konsumdruck abschwächen.
  • Auslöser erkennen: Traumaassoziierte Auslöser und Konsumauslöser identifizieren. Konkrete Handlungsalternativen bei starkem Craving oder bei Flashbacks festlegen.
  • Techniken gegen Übererregung / starke Anspannung trainieren: Atmung, Muskelentspannung, Orientierung im Hier und Jetzt, Kältereize oder kurze Aktivierung. Ziel ist es, in herausfordernden Momenten eine Alternative zum Konsum verfügbar zu haben.
  • Soziale Unterstützung nutzen: Eine kleine Gruppe verlässlicher Personen benennen. Absprechen, was in Krisen konkret hilfreich ist und was nicht. Selbsthilfeangebote können zusätzlich stabilisieren, besonders bei Einsamkeit, Rückfallgefährdung oder Scham.
  • Schlaf und anhaltende Übererregung behandeln lassen: Schlafstörungen, Albträume und chronische Anspannung können den Alltag stark belasten und den Konsumdruck erhöhen. Wenn solche Beschwerden anhalten, sollten sie in die Therapie integriert werden.
  • Behandlung annehmen und aktiv mitgestalten: Beschwerden, Konsum, Rückfälle und Traumafolgesymptome offen ansprechen. Ziele und Prioritäten gemeinsam festlegen. Bei Krisen oder deutlicher Verschlechterung früh Kontakt zur behandelnden Stelle aufnehmen.
  • Krisen und Rückfallplan vorbereiten: Persönliche Warnzeichen für Eskalation oder Rückfall benennen. Konkrete Schritte festlegen, die in den ersten Minuten und Stunden helfen können, inklusive Notfallkontakten, sicheren Orten und klaren Absprachen.
  • Rückfälle zeitnah aufarbeiten: Rückfälle kommen häufig vor. Entscheidend ist, sie früh zu besprechen, Auslöser und Risikoketten zu analysieren und den Plan anzupassen. Das ist hilfreicher als Schuldzuweisungen oder Rückzug.
Schritt für Schritt aus der Sucht

Hilfe für Betroffene und Angehörige

  1. Wo finde ich Hilfe bei Sucht?
  2. Was ist eine Suchttherapie?
  3. Was passiert bei einer gesetzlichen Sucht-Reha?
  4. Worauf sollte man bei privaten Suchtkliniken achten?

Wo finden Betroffene Hilfe?

Betroffene können sich zunächst an die hausärztliche Praxis wenden oder direkt an Fachärztinnen und Fachärzte für Psychiatrie und Psychotherapie sowie psychologische Psychotherapeutinnen und Psychotherapeuten. Bei Suchterkrankungen sind Suchtberatungsstellen eine zentrale Anlaufstelle. Dort erhalten Suchtkranke und Suchtgefährdete vertrauliche Beratung. Bei schwerer Symptomatik kommen psychiatrische Institutsambulanzen als Anlaufstelle infrage. Bei akuter Gefährdung oder medizinischem Notfall ist der Notruf 112 zu wählen. Zusätzlich ist rund um die Uhr telefonische Krisenhilfe über die Telefonseelsorge erreichbar.

FAQs zu „Trauma und Sucht“

Kann eine Sucht selbst traumatisierend wirken?

Eine Suchterkrankung ist nicht automatisch ein Trauma. Traumatisierend können jedoch Ereignisse sein, die im Zusammenhang mit Sucht auftreten, zum Beispiel schwere Unfälle, Gewalt, sexualisierte Übergriffe oder lebensbedrohliche Überdosierungen. Bei Alkohol sind insbesondere Partnerschaftsgewalt und Unfälle relevant, bei illegalen Drogen kommen zusätzlich Risiken durch Gewalt- und Beschaffungsmilieus sowie Überdosierungen hinzu. Auch Partnerinnen, Partner, Angehörige und besonders Kinder können stark belastet sein. Ob aus der Belastung letztlich eine Traumafolgestörung entsteht, hängt von den konkreten Ereignissen und den anschließenden Beschwerden ab.

Kann ein unverarbeitetes Trauma Jahre später zur Sucht führen?

Potenziell traumatisierende Erfahrungen können das Risiko für späteren problematischen Substanzkonsum erhöhen, besonders wenn daraus anhaltende Traumafolgesymptome oder eine PTBS entstehen. Bei manchen Betroffenen zeigen sich relevante Symptome erst verzögert oder verstärken sich später, etwa durch neue Belastungen. Das führt nicht zwangsläufig zu einer Suchterkrankung, kann aber dazu beitragen, dass Substanzen zur kurzfristigen Symptomlinderung genutzt werden.

Treten Rückfälle bei Sucht und Trauma häufiger auf?

Bei einer Komorbidität aus Traumafolgestörung und Suchterkrankung können sich beide Problembereiche gegenseitig verstärken. Traumaassoziierte Auslöser, Schlafstörungen, innere Anspannung oder starke Affekte können den Konsumdruck erhöhen. Umgekehrt kann der Konsum die Symptomatik und Rückfallanfälligkeit verstärken. Deshalb wird leitliniengerecht eine integrierte therapeutische Behandlung empfohlen, die suchtbezogene und PTBS-bezogene Interventionen kombiniert. Rückfälle kommen häufig vor uns sind Teil des Genesungsprozesses. Wichtig ist eine zeitnahe Aufarbeitung, um Auslöser, Risikoketten und Schutzstrategien anzupassen.

Können Medikamente bei PTBS und Sucht helfen?

Medikamente können eine Behandlung unterstützen, aber sie ersetzen keine Psychotherapie. Bei Suchterkrankungen kommen je nach Substanz und Situation medikamentöse Optionen infrage (z. B. zur Entzugsbehandlung oder Rückfallprophylaxe bei alkoholbezogenen Störungen). Bei Traumafolgestörungen werden Medikamente eher symptomorientiert eingesetzt, etwa bei ausgeprägten Schlafstörungen, Depression oder Angst, nach individueller Nutzen-Risiko-Abwägung und unter Berücksichtigung von Abhängigkeitsrisiken (z. B. bei sedierenden Medikamenten).

Wie erkenne ich, ob ein Konsum mit früheren belastenden Erlebnissen zusammenhängt?

Ein Zusammenhang lässt sich nicht durch Grübeln klären, sondern über beobachtbare Muster: In welchen Situationen steigt der Konsum, welche Gefühle oder Erinnerungsreize gehen voraus und was passiert danach. Hilfreich ist ein kurzes Konsum- und Triggerprotokoll (Situation, Gefühl, Erinnerung, Konsum, Folgen). Im Rahmen der Psychotherapie kann geprüft werden, ob der Konsum vor allem der kurzfristigen Regulation von Beschwerden dient und welche alternativen Verhaltensweisen Betroffenen helfen könnten.

Wie kann man mit PTBS und Suchterkrankung leben?

Während komplexen, integrativen Behandlung lernen Patientinnen und Patienten konkrete Techniken, um Anspannung, Flashbacks und Konsumdruck besser zu steuern. Dazu gehören Orientierung im Hier und Jetzt bei aufdrängenden Erinnerungen, Verfahren zur Reduktion körperlicher Übererregung, Strategien bei Schlafproblemen und Albträumen sowie Rückfallprävention: Auslöser erkennen, Hochrisikosituationen planen, Handlungspläne bei Suchtdruck und ein Krisenplan mit konkreten Schritten und Kontaktmöglichkeiten.

Wie können Freunde oder Familie unterstützen?

Angehörige können unterstützen, indem sie zuhören, Belastung ernst nehmen und zur Behandlung motivieren, ohne Druck oder Schuldzuweisungen. Praktisch hilfreich sind Begleitung zu Terminen, Unterstützung bei Struktur im Alltag und klare Absprachen für Krisensituationen. Wichtig ist auch, Grenzen zu setzen und das Mittragen von Konsumfolgen zu vermeiden. Für Angehörige können eigene Beratungs- oder Selbsthilfeangebote entlastend sein, besonders wenn Konflikte, Angst oder Überforderung entstehen.

Quellenliste

1 Schäfer, I., Gast, U., Hofmann, A. Knaevelsrud, C., Lampe, A. Liebermann, P. Lotzin, A., Maercker, A., Rosner, R., Wöller, W. (2019): „S3-Leitlinie Posttraumatische Belastungsstörung“, S. 28, https://register.awmf.org/assets/guidelines/155-001l_S3_Posttraumatische_Belastungsstoerung_2020-02_1.pdf, (Datum des Zugriffs: 05.03.2026)

2 Kapfhammer, HP. Zur Komorbidität von Posttraumatischer Belastungsstörung und Sucht in biopsychosozialer Perspektive. Neuropsychiatr 36, 1–18 (2022). https://doi.org/10.1007/s40211-020-00384-4, https://link.springer.com/article/10.1007/s40211-020-00384-4 (Datum des Zugriffs: 05.03.2026)

3 Nguyen J, Whiteside LK, Bulger EM, Veach L, Moloney K, Russo J, Nehra D, Wang J, Zatzick DF. Post-traumatic stress disorder (PTSD) symptoms and alcohol and drug use comorbidity at 25 US level I trauma centers. Trauma Surg Acute Care Open. 2022 Aug 4;7(1):e000913. doi: 10.1136/tsaco-2022-000913. PMID: 35979039; PMCID: PMC9358953, https://pmc.ncbi.nlm.nih.gov/articles/PMC9358953/ (Datum des Zugriffs: 05.03.2026)

4 Wieland N, Klein M.: „Substanzbezogene Störungen und traumatische Erfahrungen in der Kindheit“, In: Suchttherapie 2018; 19: 66–75, https://doi.org/10.1055/a-0582-1751, (Datum des Zugriffs: 05.03.2026)

5 Kiefer, F., Hoffmann, S., Petersen, K.U.; Batra A.: „S-3 Leitlinie: Screening, Diagnose und Behandlung alkoholbezogener Störungen”. Federführende Fachgesellschaften: Deutsche Gesellschaft für Psychiatrie und Psychotherapie, Psychosomatik und Nervenheilkunde (DGPPN), Deutsche Gesellschaft für Suchtforschung und Suchttherapie e.V. (DG-SUCHT), Springer Verlag, Heidelberg, 2. Auflage 2022. Ebenfalls verfügbar unter: https://www.awmf.org/leitlinien/detail/ll/076-001.html, (Letzter Zugriff: 09.03.2026)

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