Suchttherapie

Suchttherapie

Das Wichtigste in Kürze

  • Für eine erfolgreiche Suchttherapie stehen verschiedene Methoden zur Auswahl.
  • Zu den wichtigsten psychotherapeutischen Ansätzen gehören Verhaltenstherapie, systemische Therapie und psychodynamische Kurzinterventionen.
  • Auch Musik-, Kunst-, Bewegungs- und Ergotherapie können hilfreich sein.
  • Die Wahl der optimalen therapeutischen Behandlung hängt von individuellen Faktoren ab.

Was sind Suchttherapie-Methoden?

Unter Suchttherapie-Methoden versteht man verschiedene therapeutische Behandlungsansätze, die Menschen mit einer Abhängigkeitserkrankung bei der Bekämpfung derselben unterstützen sollen. Es gibt verschiedene Ansätze, die sich im Rahmen zahlreicher Studien bewährt haben und von den Fachgesellschaften empfohlen werden. Häufig werden verschiedene Suchttherapie-Methoden miteinander kombiniert, um Betroffene bei der Überwindung ihrer Abhängigkeitserkrankung bestmöglich zu unterstützen.

Mann spricht Alkoholproblem bei Arzt an
Mann spricht Alkoholproblem bei Arzt an

Welche Therapien werden bei Sucht häufig angewendet?

Wer nach einer guten Einrichtung für die Behandlung seiner Abhängigkeit sucht, sollte sich im Vorfeld darüber informieren, welche Therapiemöglichkeiten vor Ort angeboten werden. Wir stellen Ihnen hier die wichtigsten Suchttherapie-Methoden und -Ansätze vor, die seit vielen Jahren etabliert sind.

  • Psychotherapie
    • Bei einer Suchttherapie kann auf verschiedene psychotherapeutische Methoden zurückgegriffen werden. Jede arbeitet mit einem anderen Ansatz, im Fokus steht dabei stets der Patient mit seiner individuellen Geschichte.
      • Verhaltenstherapie: Die grundlegende Annahme der Verhaltenstherapie lässt sich vereinfacht wie folgt erklären: Das menschliche Verhalten geht auf Lernprozesse zurück. Einmal erlernte, ungünstige Verhaltensmuster, etwa im Zusammenhang mit Alkohol, Drogen und anderen Suchtmitteln, können jedoch „überschrieben“ oder „ersetzt“ werden. Hierfür sind neue Wahrnehmungsmuster und Denkansätze erforderlich, die im Rahmen der Psychotherapie erarbeitet werden.
      • Psychoanalyse: Die Psychoanalyse oder analytische Psychotherapie geht auf ihren Begründer Sigmund Freud zurück. Die Grundlage bildet hier die Annahme, dass der Mensch unbewusst mit unangenehmen Erinnerungen und Emotionen hadert. Um schädliche Verhaltensweisen, wie zum Beispiel die Muster einer Abhängigkeit, zu durchbrechen, müssen diese Konflikte identifiziert und dadurch aufgelöst werden.
      • Tiefenpsychologisch fundierte Psychotherapie: Die tiefenpsychologisch fundierte Psychotherapie bzw. die psychodynamische Psychotherapie geht ebenfalls von der Annahme aus, dass unbewältigte innere Konflikt als Ursache für ein problematisches Verhalten, wie zum Beispiel den Konsum von Alkohol oder Drogen, ausgemacht werden können. Sobald die Ursache identifiziert wurde, werden Lösungsstrategien und alternative Verhaltensmuster besprochen, um mit dem Konflikt umzugehen.
      • Systemische Psychotherapie: Die systemische Psychotherapie rückt nicht allein den Suchtkranken in den Fokus, sondern betrachtet diesen im Spannungsfeld seiner sozialen Beziehungen. Die Alkoholabhängigkeit wird, vereinfacht gesagt, als sichtbares Symptom für ein gestörtes (Beziehungs-) System eingeordnet. Bei der Behandlung der Suchterkrankung geht es darum, diese Störung aufzudecken und zu beheben. Hierfür werden die betreffenden Familienmitglieder häufig in die Suchttherapie einbezogen.
  • Kreative Therapien bei Suchterkrankungen
    • Die Psychotherapie bildet für gewöhnlich den Schwerpunkt der Behandlung bei einer Suchterkrankung. Je nach individueller Verfassung des Patienten sowie Ausrichtung der Institution, in der die Suchtbehandlung stattfindet, können weitere Therapieformen angeboten werden.
      • Kunsttherapie: Die Kunsttherapie wird bei Menschen mit einer Abhängigkeitserkrankung gern begleitend, etwa bei einer stationären Behandlung, eingesetzt. Sie kann verschiedene Zielsetzungen haben und Betroffenen nicht nur neue Möglichkeiten zur Freizeitgestaltung eröffnen, sondern Unbewusstem eine Gestalt geben und Emotionen ausdrücken, die nicht in Sprache gefasst werden können.
      • Musiktherapie: Die Musiktherapie ermöglicht, wie die Kunsttherapie, den Ausdruck von Stimmungen. Sie kann dabei unterstützen, innere Spannungen abzubauen, dem Suchtverlangen (Craving) zu widerstehen und Blockaden zu lösen. Für Menschen, die sich aufgrund ihrer Suchterkrankung nicht gut mitteilen können, kann sie ein alternatives Mittel der Kommunikation sein.
  • Bewegungstherapie bei Sucht
    • Körperliche Bewegung fördert das physische und psychische Wohlbefinden und ist wesentlicher Bestandteil einer gesunden Lebensführung.
      • Sporttherapie: Ähnlich wie die Kunsttherapie wird auch die Sporttherapie gern als begleitende Therapiemöglichkeit bei Sucht eingesetzt. Sie hilft den Betroffenen dabei, zurück in ein aktives Leben zu finden, was u. a. die Rückfallprävention unterstützt. Gleichzeitig bietet sie den Suchtkranken eine Möglichkeit, den eigenen Körper besser wahrzunehmen, den Selbstwert zu steigern und widerstandsfähiger zu werden.
      • Ergotherapie: Die Ergotherapie richtet sich vor allem an Menschen mit einer Suchterkrankung, die aufgrund ihrer Abhängigkeit mit starken körperlichen und/oder psychischen Einschränkungen zu kämpfen haben. Angestrebt wird die Förderung der eigenständigen Lebensgestaltung, die für manche Betroffene ohne das Suchtmittel kaum vorstellbar ist. Aktiv zu werden und sich aus der passiven Rolle des Suchtkranken hinauszubegeben, steht dabei im Vordergrund. Die konkreten Maßnahmen, die dafür in der Ergotherapie umgesetzt werden, sind vielseitig und reichen von Ideen zur Freizeitgestaltung bis hin zur Hilfe bei der beruflichen Reintegration.

Welche Therapien sind besonders wirksam?

In der aktuellen S3 Leitlinie zu „Screening, Diagnose und Behandlung alkoholbezogener Störungen“ werden verschiedene therapeutische Ansätze als hilfreich beschrieben. Die Beurteilung stützt sich auf die Anwendung verschiedener Therapien und Interventionen nach der Akutbehandlung, die für eine dauerhafte Abstinenz von entscheidender Bedeutung sind.1

  • Wirksamkeit (Kognitiver) Verhaltenstherapie bei Sucht
    • Explizit empfohlen werden die Verhaltenstherapie bzw. die kognitive Verhaltenstherapie (CBT) und, mit etwas geringerer Effektstärke, die psychodynamische Kurzzeittherapie2. Die kognitive Verhaltenstherapie wird in der Suchttherapie am häufigsten angewandt, ihre Erfolgsquote beträgt 60 Prozent, wodurch sie anderen Therapieformen überlegen ist3. Die genauen Wirkfaktoren sind jedoch, trotz zahlreicher Studien in den letzten zwei Jahrzehnten, noch nicht genau identifiziert4.
  • Systemische Verhaltenstherapie bei Abhängigkeitserkrankungen
    • Für neuere Ansätze, wie zum Beispiel die systemische Therapie fehlen bislang noch groß angelegte Studien und Untersuchungen. Einzelne Studien deuten jedoch darauf hin, dass insbesondere zu Beginn einer Suchterkrankung positive Effekte mit dieser Methode erzielt werden können5.
  • Künstlerische Sucht-Therapien
    • Zu den künstlerischen Therapien zählen u. a. Musiktherapie, Kunsttherapie, Tanz- und Bewegungstherapie, Theater- und Dramatherapie. Zu den einzelnen Verfahren gibt es noch wenige quantitative Studien, nichtsdestotrotz haben sie Eingang in diverse S3-Leitlinien für verschiedenste Erkrankungen gefunden6.
  • Psychosoziale Interventionen
    • Neben den dargestellten Verfahren unterstützen auch psychosoziale Interventionen die Überwindung einer Abhängigkeitserkrankung. In diese Kategorie fallen neben motivationalen Interventionen auch Angehörigenarbeit, Paartherapie, Betroffenengruppen und das Setzen von Anreizen, um die Aufrechterhaltung des gewünschten Verhaltens zu fördern (Kontingenzmanagement).7
Professioneller Kokainentzug: Junger Mann in Gesprächstherapie
Professioneller Kokainentzug: Junger Mann in Gesprächstherapie

Wie häufig findet die Therapie bei Sucht statt?

Grundsätzlich ist die Häufigkeit, mit der suchtkranke Menschen an einer Therapie teilnehmen sollten, abhängig von der individuellen Ausgangsituation und dem gewählten Setting für die Behandlung.

  • Grad der individuellen Funktionsfähigkeit nimmt Einfluss auf Therapiedauer
    • Patienten, die trotz Abhängigkeit mit beiden Beinen fest im Leben stehen, einen ambulanten Entzug durchlaufen und parallel etwa einer geregelten Arbeit nachgehen, müssen in der Regel weniger Zeit für die psychotherapeutische Sucht-Behandlung aufbringen als Patienten, die stationär eine körperliche Entgiftung mit anschließender Entwöhnung durchführen.
  • Behandlungssetting beeinflusst Therapiehäufigkeit
    • Eine hohe Therapiefrequenz aus Einzel- und Gruppentherapien ist in den meisten Fällen sinnvoll. Das gilt insbesondere für Betroffene mit psychischen Begleiterkrankungen und betrifft das ambulante wie das stationäre Setting. Betroffene, die sich für einen stationären Entzug entscheiden, sollten sich vorab in der favorisierten Einrichtung informieren, wie hoch die Therapiefrequenz im individuellen Fall voraussichtlich sein wird.

Wie findet man die richtige Sucht-Therapie für sich?

Welches die richtige Therapie ist, um sich aus der psychischen und körperlichen Abhängigkeit vom Suchtmittel zu befreien, lässt sich nicht pauschal beantworten. Individuelle Hilfe finden Betroffene beim Hausarzt, einer Suchtberatungsstelle oder einer Entzugsklinik. Dort erhalten sie viele Informationen über die unterschiedlichen Therapieoptionen und erfahren mehr zum Ablauf. Die wichtigste Voraussetzung für die Überwindung einer Abhängigkeitserkrankung ist letztlich nicht die Therapieform, sondern die Entzugs- und Abstinenzmotivation. Wer beschlossen hat, Alkohol, Medikamenten und Drogen zu entsagen, hat bereits den wichtigsten Schritt getan.

Quellenliste

1 Kiefer, Hoffmann, Petersen, Batra (Hrsg.) “Screening, Diagnose und Behandlung alkoholbezogener Störungen”, Springer Verlag, Heidelberg, 2. Auflage 2022, S. 324 ff., Die Leitlinie ist auch online verfügbar bei der AWMF: https://www.awmf.org/leitlinien/detail/ll/076-001.html (Datum des Zugriffs: 05.06.2023)

2 ebd., S. 340 ff.

3 Fleischmann, Heribert „Entwöhnungsbehandlung Alkoholabhängiger und andere Formen der Postakutbehandlung“, In: PSYCH up2date 9, 2015, S. 79, DOI http://dx.doi.org/10.1055/s-0041-100326 , VNR 2760512015147123646, https://www.thieme-connect.com/products/ejournals/pdf/10.1055/s-0041-100326.pdf (Datum des Zugriffs: 05.06.2023)

4 Fehr, Christoph „Wirkmechanismen der kognitiven Verhaltenstherapie bei Suchterkrankungen: Bisher unbefriedigende Datenlage“, In: InFo Neurologie 22, 11 (2020). https://doi.org/10.1007/s15005-020-1449-4https://link.springer.com/article/10.1007/s15005-020-1449-4 (Datum des Zugriffs: 05.06.2023)

5 Thomasius, Rainer et al. „Familientherapie und systemische Therapie bei Suchterkrankungen“, In: Psychotherapie der Suchterkrankungen, Lindauer Psychotherapie-Module: Psychotherapie der Suchterkrankungen, 2000,  Georg Thieme Verlag Stuttgart, S. 122, DOI: 10.1055/b-0034-8783, https://www.thieme-connect.de/products/ebooks/lookinside/10.1055/b-0034-8783 (Datum des Zugriffs: 05.06.2023)

6 Kiefer, a. a. O., S. 353 f.

7 Kiefer, a. a. O., S. 340 f.