Tramadol-Abhängigkeit: Wenn Schmerzen in die Abhängigkeit führen

Rund 12 Millionen Deutsche leiden an chronischen Schmerzen; in vielen Fällen jahrelang ohne eine wirksame Schmerzbehandlung. Durch den permanenten Dauerschmerz kommt es zu körperlichen Einschränkungen, Depressionen, Ängsten, Schlafstörungen und einer verminderten Konzentrationsfähigkeit. Die betroffenen Patienten fühlen sich im wahrsten Sinne des Wortes am Ende und wissen nicht mehr, wie es weitergehen soll. Dies gilt oft auch für den behandelnden Arzt, besonders dann, wenn der Schmerz keiner konkreten körperlichen Ursache zugeordnet werden kann. Meist bleibt dann nur noch der Griff zum Schmerzmittel, um das Leben einigermaßen erträglich zu gestalten.

Genau hier kommt das synthetische Opioid Tramadol ins Spiel. Dieses soll nach dem WHO Stufenschema bei mittelstarken bis starken Schmerzen verordnet werden. Viele Betroffene spüren unter dem Mittel erstmals eine Linderung ihrer Beschwerden und vergessen darüber, dass das Schmerzmittel ein starkes Suchtpotenzial besitzt und bereits nach zweiwöchiger Einnahme zu einer Tramadol-Abhängigkeit führen kann, wenn die Indikation nicht stimmt. Hier ist es wichtig zu wissen, dass es Schmerzformen gibt, die besonders gut auf Opiate ansprechen. Bei anderen Schmerzformen helfen Opiate nur sehr unzureichend. Statt das Medikament immer höher und höher zu schrauben, in dem irrigen Glauben, dann müsse es helfen, sollte man auf ein anderes Medikament umstellen, denn bei solchen Patienten ist die Suchtgefahr besonders hoch.

Wann macht Tramadol abhängig?

Entscheidend ist, dass die Indikation stimmt und das Medikament in regelmäßiger Abstimmung mit dem Arzt, am besten mit einem speziellen Schmerztherapeuten, abgestimmt wird. Es gibt Schmerzformen, die sich tatsächlich nur ausreichend mit Opiaten behandeln lassen und so dem Patienten verhelfen, ein normales Leben zu führen. Ein anderes Beispiel ist der Krebspatient, der ohne Opiate Qualen erleben würde.

Anders sieht es z. B. aus bei der postoperativen Schmerzbehandlung. Hier ist es wichtig, dass der Arzt und Patient im Blick behalten, die Medikamente nur am Anfang einzunehmen und zeitnah auf schwächere Medikamente umzusteigen. Andernfalls tritt sehr rasch eine Gewöhnung ein, und der Patient kann in eine Abhängigkeit rutschen. In dem Fall gilt, je kürzer die Einnahme des Arzneimittels, desto geringer ist das Risiko einer Sucht. Dies betrifft im Übrigen nicht nur den Wirkstoff Tramadol, sondern auch alle anderen Opioid-Analgetika wie beispielsweise Tilidin oder Morphin.

Auch die Darreichungsform spielt eine Rolle für das Abhängigkeitsrisiko. So wirken Tropfen deutlich schneller als Tabletten oder Retard-Tabletten und haben aufgrund des schnellen Wirkeintritts ein höheres euphorisierendes Potenzial. Steht von vornherein fest, dass der Patient das Mittel länger als 2 Wochen nehmen muss, sollte die Behandlung durch Präparate mit einer langsamen und stetigen Wirkstoff-Freisetzung erfolgen, also als Retard-Präparat.

Wie entsteht eine Tramadol-Abhängigkeit?

Als psychoaktiver Wirkstoff überwindet Tramadol die Blut-Hirn-Schranke und wirkt direkt auf den Neurotransmitter-Stoffwechsel im zentralen Nervensystem ein. Das Opioid dockt an den sogenannten Opioid-Rezeptoren an und verringert dadurch die Schmerzwahrnehmung und -Intensität. Darüber hinaus werden die Glückshormone Serotonin und Noradrenalin verstärkt ausgeschüttet, so dass Tramadol im geringen Maße auch antidepressive und angstlösende Effekte erzielt und leicht euphorische Gefühle hervorruft. Werden Medikamente wie Tramal® oder dessen Generika über einen längeren Zeitraum eingenommen, verändert sich die Konzentration der Botenstoffe dauerhaft. Der Körper produziert weniger endogene Morphine / Endorphine, da das Opioid-Analgetikum durch die verhinderte / verzögerte Wiederaufnahme in die Zelle ohnehin für eine hohe Konzentration schmerzstillender Botenstoffe im synaptischen Spalt sorgt. Kommt es zu einem Konsumstopp des Arzneimittels, reichen die körperlichen Botenstoffe nicht aus, um den Schmerz angemessen zu regulieren. Der Patient empfindet seine Schmerzen daher umso stärker und fällt durch die verringerte Konzentration an Serotonin und Nordrenalin zugleich in ein tiefes psychisches Loch, das in vielen Fällen durch die erneute Einnahme einer Tablette kompensiert wird. Es kommt zu einem Teufelskreis, der in der Regel nur durch einen Tramadol-Entzug zu beenden ist.

Weshalb ist eine Tramadol-Abhängigkeit besonders tragisch und in welchen Fällen sollte der Nutzen des Medikaments gegen die Risiken abgewogen werden?

Im Gegensatz zu einer Alkoholsucht oder einer Drogensucht erfolgt der Konsum von Tramadol nicht zu Rauschzwecken, sondern zur Schmerzbewältigung. Oft wissen die Patienten nicht einmal, dass Tabletten und Tropfen mit Tramadol ein hohes Suchtrisiko besitzen, da sie vom Arzt nicht ausreichend informiert werden und nicht die Packungsbeilage studieren. Daher realisieren sie meist erst nach langer Zeit, dass sich eine Abhängigkeit manifestiert hat, beispielsweise, wenn es zu Einnahmeverzögerungen kommt oder sie immer mehr und mehr Tabletten benötigen. In solchen Fällen kann man auch von iatrogener Abhängigkeit sprechen, was bedeutet: durch den Arzt induzierte Abhängigkeit.

An dieser Stelle sollte aber nochmals betont werden, dass man Opiate auch nicht verteufeln darf. Richtig angewandt, können diese eine große Hilfe sein. Entscheidend ist, dass die Diagnose passt und Opiate überhaupt die richtigen und wirksamen Medikamente bei der Schmerzform sind. Ebenso sollte der Patient immer mit derselben Dosis auskommen, ohne Steigerungstendenz. Dann überwiegt der Nutzen, denn ein Vorteil ist, dass Opiate nicht organtoxisch sind.

Wann muss eine Tramadol-Abhängigkeit behandelt werden?

In rund 30 Prozent aller Anwendungen erzielt Tramadol nicht die erhoffte Wirkung, da der Schmerz nicht Opiat-sensibel ist. In einem solchen Fall sollte von einer Erhöhung der Dosis abgesehen werden und auf ein anderes Schmerzmittel umgestiegen werden. Schwierig wird es auch, wenn sich eine Toleranz gegen Tramadol herausbildet, so dass höhere Dosierungen erforderlich sind, um noch dieselbe Wirkung zu erzielen wie am Anfang der Einnahme.

Notwendig ist ein Tramadol-Entzug in jedem Fall, wenn Tramal® oder seine Generika wegen der euphorisierenden Wirkung des Opioids konsumiert werden und die schmerzstillenden Effekte zunehmend in den Hintergrund geraten. So wird das Opioid beispielsweise in West- und Nordafrika in hohen Dosen wie eine Droge eingenommen. Schließlich ist es billig, steht aufgrund seiner niedrigen Potenz nicht auf der Liste der international kontrollierten Medikamente und ist daher leicht zu bekommen. Auch die Opioid-Krise in Nordamerika zeigt, das Opioide in hoher Dosierung äußerst gefährlich sein können.

Durch welche körperlichen Symptome macht sich eine Tramadol-Abhängigkeit bemerkbar?

Wie bereits erwähnt, bemerken Menschen, die gut auf Tramadol eingestellt sind, ihre Abhängigkeit meist erst sehr spät. In vielen Fällen drängen die Angehörigen auf einen Arztbesuch, da ihnen Wesensveränderungen und Stimmungsschwankungen auffallen. Wird das Mittel eigenmächtig und abrupt abgesetzt oder verspätet eingenommen, kann es zu Muskelkrämpfen, Schweißausbrüchen, Zittern, Frieren, Schlafproblemen und einem verminderten Appetit kommen. Ebenso können Durchfall und Erbrechen körperliche Hinweise auf eine Tramadol-Sucht sein.

Welche psychischen Symptome sprechen für eine Tramadol-Sucht?

Unabhängig von der konsumierten Substanz wird eine Suchterkrankung im WHO-Diagnose-Manual ICD-10 durch 6 unterschiedliche Kriterien definiert, von denen innerhalb des vergangenen Jahres 3 gleichzeitig aufgetreten sein müssen:

  • Starkes Verlangen (Craving) nach Tramadol
  • Kontrollverlust über die Einnahme und Dosierung des Medikaments
  • Steigende Toleranzentwicklung und Steigerung des Konsums
  • Körperliche und psychische Entzugssymptome durch Beendigung oder Verzögerung der Einnahme
  • Die Tramadol-Tabletten / Tramadol-Tropfen gewinnen immer mehr Präsenz im Leben
  • Kein Verzicht auf die Anwendung des Medikaments trotz unerwünschter Wirkungen

Bei einer Medikamentenabhängigkeit im Niedrigdosis-Bereich (low dose dependency) oder bei der richtigen Indikation kommt es meist jedoch zu keinem Kontrollverlust und zu keiner Konsumsteigerung.

Welche Risiken bringt eine Tramadol-Abhängigkeit mit sich?

Im Gegensatz zu vielen anderen Opioiden gilt Tramadol als ein relativ sicheres Opioid mit einem günstigen Profil an Nebenwirkungen. Dennoch reagiert jeder Körper anders auf den Wirkstoff, so dass die langfristige Einnahme von Tramadol und die damit verbundene Abhängigkeit gewisse Risiken beinhaltet. Dazu gehören in erster Linie psychische Veränderungen wie eine erhöhte Aggressivität, depressive und ängstliche Phasen und Stimmungsschwankungen. Ebenso kann es zu Gedächtnis- und Konzentrationsschwächen, anhaltender Appetitlosigkeit und Gewichtsverlust kommen. Bei sehr hohen Dosen kann es zu Atemproblemen kommen, da Opiate die Atmung hemmen können. Dies ist besonders bei höher potenten Opiaten relevant.

Darüber hinaus kann Tramadol die Reaktionsfähigkeit beeinträchtigen und zu verschwommenen Sehen, Müdigkeit und Benommenheit führen, so dass die Verkehrstüchtigkeit und die Fähigkeit, Maschinen zu bedienen, stark beeinträchtigt wird. Ebenso muss man darauf achten, mit welchen Medikamenten Tramadol kombiniert wird. Theoretisch kann es bei der gleichzeitigen Einnahme bestimmter Antidepressiva zu einem Serotonin-Syndrom kommen. Dies ist aber auch immer eine Frage der Dosis.

Wie wird eine Tramadol-Abhängigkeit behandelt?

Eine Tramadol-Abhängigkeit kann in der Regel nur durch einen stationären oder ambulanten Tramadol-Entzug behandelt werden, wobei eine stationäre Therapie meist deutlich erfolgreicher ist. Schließlich werden die Patienten hier rund um die Uhr von spezialisierten Ärzten und Therapeuten betreut und bei Motivationskrisen adäquat aufgefangen. Ein kalter Tramadol-Entzug zu Hause ist aufgrund der unangenehmen Entzugserscheinungen und der hohen Rückfallgefahr nicht zu empfehlen. Erfolgt der Entzug unter ärztlicher Überwachung, wird das Medikament schrittweise herunterdosiert (fraktionierter Entzug), so dass der Körper genügend Zeit hat, sich an den veränderten Wirkstoffspiegel zu gewöhnen. Ergänzend dazu kann das Entzugssyndrom durch Medikamente und begleitende Therapien gelindert werden.

In welchen Phasen verläuft die Behandlung einer Tramadol-Sucht?

  1. Dem Entzug selbst geht eine Motivationsphase voraus, in welcher der Suchtkranke sich seine Sucht eingesteht und beschließt, sein Leben künftig ohne das Suchtmittel zu führen. Dies kann im Austausch mit der Familie und guten Freunden geschehen, durch Gespräche in einer Suchtberatungsstelle oder auch von ganz allein. Darüber hinaus gilt es, sich über die ersten Schritte klar zu werden. Wichtige Fragen in diesem Zusammenhang sind:
  • Soll der Entzug stationär oder ambulant erfolgen?
  • Lasse ich mich in einer Privatklinik oder einer öffentlichen Einrichtung behandeln?
  • Welche Klinik ist die richtige?
  • Wann ist ein geeigneter Zeitpunkt für die Entzugsbehandlung?

Erfahren Sie mehr über die ersten Schritte aus der Abhängigkeit!

  1. Der erste Schritt der Entzugsbehandlung ist die körperliche Entgiftung, in der das jeweilige Schmerzmittel in einem fraktionierten Entzug nach und nach ausgeschlichen wird. Beendet ist die Entgiftung dann, wenn der Wirkstopp und seine Stoffwechselprodukte (Metaboliten) komplett abgebaut sind. Erfolgt die Behandlung der körperlichen Abhängigkeit stationär, werden während dieser Zeit die Vitalfunktionen des Patienten engmaschig überwacht. Bei einem ambulanten Entzug sucht der Suchtkranke in der Regel einmal täglich die behandelnde Arztpraxis zur Kontrolle auf.
  2. Neben der Entgiftung muss die psychische Abhängigkeit in einer Entwöhnung durchbrochen werden, um zu verhindern, dass der Betroffene nach dem körperlichen Entzug erneut zum Arzneimittel greift. Hierzu müssen die Suchtursachen ermittelt, behandelt und durch “gesunde” Verhaltensmuster ersetzt werden. Darüber hinaus gilt es, die Grunderkrankung, d. h. den Schmerz, zu therapieren. Ein möglicher Ansatz ist eine multimodale Schmerztherapie, in welcher der Schmerz anhand eines biopsychosozialen Schmerzmodells behandelt wird. Bei starken Schmerzen muss gegebenenfalls zusätzlich auf andere Arzneimittel umgestellt werden. Wichtig ist es auf jeden Fall, dass der Patient lernt, besser mit seinem Schmerz umzugehen und auch auf nichtmedikamentöse Strategien zur Schmerzbewältigung zurückzugreifen.
  3. Mit der Entgiftung und Entwöhnung ist die eigentliche Entzugsbehandlung abgeschlossen. Durch das entstandene Suchtgedächtnis kann eine Tramadol-Abhängigkeit jedoch nie vollständig geheilt werden, so dass der Suchtkranke immer wieder in Situationen geraten wird, in denen das Verlangen nach Tramadol aufkommt. Dies gilt insbesondere, da Opioide im Gegensatz zu anderen Wirkstoffgruppen nicht nur eine schmerzlindernde, sondern auch eine euphorisierende Wirkung besitzen. Das Arzneimittel wird daher in vielen Fällen ebenfalls als “Seelentröster” eingenommen. Um Rückfälle in die Tramadol-Sucht zu verhindern, sollte daher unbedingt eine ambulante Nachsorge erfolgen, in welcher der Tramadol-Abhängige rückfallträchtige Situationen im Alltag mit einem geschulten Therapeuten bespricht. Ebenso kann die Teilnahme an einer Selbsthilfegruppe die Abstinenz fördern.

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