Benzodiazepinabhängigkeit: Die Sucht nach Schlaf- und Beruhigungsmitteln

Stress im Job, Probleme in der Partnerschaft oder psychische Erkrankungen – für Beschwerden wie innere Unruhe, Schlafstörungen oder Angst- und Panikattacken kann es viele Auslöser geben. Wenn Betroffene derartige Probleme nicht mehr allein bewältigen können, verordnen Ärzte häufig sogenannte Benzodiazepine (kurz: Benzos), die als psychoaktive Substanzen beruhigend, schlaffördernd oder angstlösend wirken. Doch wie bei vielen anderen Arzneimitteln gibt es auch bei Benzos eine Kehrseite der Medaille. Kurzfristig eingenommen können die Medikamente für Linderung sorgen, werden sie jedoch dauerhaft konsumiert, lösen sie oftmals eine Suchterkrankung aus. Schätzungen gehen davon aus, dass allein in Deutschland rund 1,5 Millionen Menschen von einer Benzodiazepinabhängigkeit betroffen sind – viele davon sogar, ohne es zu wissen.

Was sind Benzodiazepine und wann werden sie verordnet?

Unter dem Begriff Benzodiazepine wird eine Gruppe von Arzneistoffen zusammengefasst, die verschiedene Wirkungen hervorrufen kann:

  • angstlösend (anxiolytisch)
  • beruhigend (sedierend)
  • schlaffördernd (hypnotisch)
  • muskelentspannend (muskelrelaxierend)
  • krampflösend (antikonvulsiv)

Weil Benzodiazepine eine Wirkung auf die Psyche des Menschen ausüben, spricht man auch von psychoaktiven Substanzen. Die genaue Wirkungsweise ist jedoch komplex. Im zentralen Nervensystem docken die Substanzen an spezifische Schnittstellen, die sogenannten GABA-Rezeptoren an. Hierbei handelt es sich um inhibitorische Rezeptoren, die für die Hemmung bestimmter Reaktionen zuständig sind. Vereinfacht gesagt: Durch die Beeinflussung der GABA-Rezeptoren sorgen die Benzodiazepine dafür, dass Erregungs- und Spannungszustände gedämpft bzw. abgeschwächt werden.

Verordnet werden Benzos meist zur kurzzeitigen Behandlung psychischer Symptome. Vor allem Angst- und Panikstörungen, Unruhezustände und Schlafstörungen gehören zu den typischen Anwendungsgebieten. Je nach individueller Krankheitsgeschichte und Dosierung können einige Benzos auch zur Behandlung epileptischer Krampfanfälle eingesetzt werden.

Was ist eine Benzodiazepinabhängigkeit?

Bei einer Abhängigkeit von Benzodiazepinen handelt es sich um eine psychische Erkrankung, die durch verschiedene psychische, körperliche sowie soziale Symptome gekennzeichnet ist. Sie entsteht meist unbemerkt, schleichend und kann sich sogar beim bestimmungsgemäßen Gebrauch der Medikamente ausbilden. Besonders schnell manifestieren sich die Symptome der Abhängigkeit allerdings immer dann, wenn Patienten bewusst von der therapeutischen Dosis abweichen und die Medikamente einnehmen, um die eigene Befindlichkeit eigenmächtig (positiv) zu beeinflussen.

Wie schnell entsteht eine Benzodiazepinabhängigkeit?

Benzodiazepine lösen sehr schnell einen körperlichen und / oder psychischen Gewöhnungseffekt aus. Hierbei gewöhnt sich das Gehirn der Patienten an die Wirkung des Medikaments und setzt die Selbstregulierung von Erregungs- und Spannungszuständen herab. Dadurch sind die Betroffenen immer stärker auf die Einnahme der Präparate angewiesen, um schlafen, entspannen oder sich von Ängsten lösen zu können. Teilweise können Gewöhnungseffekte bereits wenige Tage nach der ersten Einnahme auftreten.

Darüber hinaus geht mit der Gewöhnung eine zunehmende Toleranzentwicklung einher. Die Medikamente wirken in der ursprünglichen Dosierung nicht mehr so stark wie zuvor und der Effekt nutzt sich gewissermaßen ab. Infolgedessen müssen die Betroffenen eine höhere Dosis einnehmen, um fortan schlafen oder entspannen zu können. Diese Dosissteigerung setzt einen Teufelskreis in Gang, aufgrund dessen die Patienten zunehmend tiefer in die Sucht rutschen.

Wie schnell sich eine Abhängigkeit von Arzneistoffen wie Diazepam, Lorazepam oder Oxazepam entwickelt, ist von verschiedenen Faktoren abhängig. Unter anderem fällt die Dauer der Einnahme ins Gewicht, aber auch individuelle Voraussetzungen kommen zum Tragen. Nicht alle Patienten, die Hypnotika, Sedativa oder Tranquilizer aus der Gruppe der Benzos einnehmen, werden von diesen abhängig. Grundsätzlich muss jedoch davon ausgegangen werden, dass erste Anzeichen einer Abhängigkeit bereits nach wenigen Wochen der Einnahme auftreten können. Deshalb sollte die Einnahmedauer prinzipiell auf maximal 2 Wochen begrenzt werden.

Wer ist von einer Benzodiazepinabhängigkeit gefährdet?

Von Beruhigungs- oder Schlafmitteln kann theoretisch jeder abhängig werden. Sehr hoch ist die Gefahr allerdings bei Menschen, die schnell anflutende Substanzen mit kurzer Wirkdauer wie Midazolam und Alprazolam, einnehmen. Genauso schnell wie die Wirkung einsetzt, flacht sie auch wieder ab. Dadurch können schon nach kurzer Einnahmedauer erste Entzugserscheinungen auftreten.

Ältere Menschen tragen ebenfalls ein höheres Risiko eine Abhängigkeit auszubilden. Da die Substanzen nicht mehr so schnell abgebaut werden können, wirken Benzodiazepine bei ihnen um ein Vielfaches stärker und länger als bei jüngeren Patienten. Demzufolge kann schneller ein Gewöhnungseffekt eintreten und schädliche Nebenwirkungen nehmen zu. Auch alleinstehende Personen, Menschen mit psychischen Erkrankungen sowie Patienten mit einer Suchthistorie gelten als stärker gefährdet.

Welche Arten der Benzodiazepin-Abhängigkeit gibt es?

Die Einnahme von Hypnotika, Sedativa oder Tranquilizer führt nicht zwangsläufig in eine Sucht und nicht immer muss eine Dosissteigerung stattfinden, damit jemand abhängig wird. Für eine Benzodiazepinabhängigkeit ist die Dauer der Einnahme meist entscheidender als die Höhe der Dosis. Deshalb leiden die meisten Betroffenen auch unter einer sogenannten Low-Dose-Benzodiazepinabhängigkeit. Diese Niedrigdosisabhängigkeit ist besonders tückisch. Obwohl die Betroffenen aus Angst vor einer möglichen Abhängigkeitserkrankung die ärztlich verordnete Dosierung der Medikamente strikt befolgen, haben sich bereits ein Gewöhnungseffekt und eine Wirkstofftoleranz ausgebildet. In diesem Zustand befindet sich der Patient in einer chronischen Unterdosierung. Für einen tatsächlichen Wirkeffekt ist die Dosis nicht mehr ausreichend, aber zur Unterdrückung von Entzugserscheinungen und Suchtverlangen ist sie gerade hoch genug. Zu den Niedrigdosispatienten gehören vorwiegend ältere Menschen, welche die Beruhigungs- und Schlafmittel bereits seit Jahren in der immer gleichen Dosierung konsumieren.

Das Pendant zur Low-Dose-Dependency ist die Hochdosisabhängigkeit, wobei zwischen einer primären und einer sekundären Variante unterschieden wird. Die primäre Hochdosisabhängigkeit von Benzos entwickelt sich meist schleichend vom bestimmungsgemäßen Gebrauch über den Missbrauch bis hin zur kompletten psychischen und körperlichen Abhängigkeit. Bei der sekundären Hochdosisabhängigkeit entsteht die Sucht meist als Folge einer anderen Suchterkrankung (Suchtverlagerung).

Wie sehen die Benzodiazepinabhängigkeit-Symptome aus?

In den Diagnosemanualen ICD-10 und DSM-V werden verschiedene Kriterien vorgestellt, anhand derer sich eine Benzodiazepinsucht erkennen lässt:

  • Starkes Verlangen nach der Substanzeinnahme
  • Kontrollverlust bezüglich Dosierung und Einnahmehäufigkeit
  • Verengtes Denken mit Fokus auf Medikamenteneinnahme
  • Zunehmende Toleranzentwicklung (mit Dosissteigerung)
  • Einnahme trotz gravierender Nebenwirkungen
  • Entzugserscheinungen bei Einnahmeverzögerung oder Einnahmestopp

Bei vielen Low-Dose-Abhängigen greifen die klassischen Suchtkriterien allerdings nicht, da unter anderem keine Dosissteigerungen vorgenommen werden und es auch keinen Kontrollverlust über die Einnahme gibt. Zur besseren Verdeutlichung der Suchtentwicklung bei Niedrigdosisabhängigen ist deshalb das Fünf-Phasen-Modell geeigneter:

  • Prodromal-Phase: Niedrig dosierte Medikamenteneinnahme findet zeitlich begrenzt oder unregelmäßig über einen längeren Zeitraum statt.
  • Wirkumkehr und relative Entzugserscheinungen: Gewöhnungseffekte treten auf und führen aufgrund ausbleibender Dosissteigerung zu chronischer Unterdosierung sowie ersten Entzugserscheinungen.
  • Apathie-Phase: Leichte Dosissteigerung wird vorgenommen, um Entzugserscheinungen zu mildern, gleichzeitig treten erste Langzeitnebenwirkungen auf.
  • Sucht-Phase: Dosierung wird weiter gesteigert – nun sind auch die charakteristischen Merkmale einer Abhängigkeit gegeben.
  • Intoxikations-Phase: Starke Überdosierung mit massiven Nebenwirkungen (kommt normalerweise nur beim illegalen Medikamentenmissbrauch vor).

Warum ist eine Benzodiazepinabhängigkeit gefährlich?

Die Behandlung mit Benzodiazepinen kann für Menschen, die unter Angstzuständen, Schlaflosigkeit oder innerer Unruhe leiden, ein Segen sein, hat jedoch auch ihre Schattenseiten – insbesondere bei einer dauerhaften Einnahme. Vor allem ältere Patienten gelten als gefährdet und leiden umso mehr unter den typischen Nebenwirkungen:

  • Müdigkeit
  • Konzentrationsstörungen
  • Gleichgewichtsstörungen, Sturzgefahr
  • Verminderte Reaktionsfähigkeit und Bewegungskontrolle

Je länger die Einnahme andauert, umso gravierender werden die belastenden Nebenwirkungen. Langzeitfolgen manifestieren sich vor allem auf der psychischen Ebene:

  • Persönlichkeitsveränderungen
  • Apathie und Freudlosigkeit
  • Depressive Verstimmungen und Suizidgedanken
  • Reduzierte Leistungsfähigkeit
  • Erinnerungslücken

Darüber hinaus kann es vermehrt zu paradoxen Reaktionen kommen, bei denen die ursprünglichen Symptome wie Angstzustände, Schlafstörungen oder innere Unruhe sich trotz der Medikamenteneinnahme verstärken.

Wie kann man eine Abhängigkeit von Benzos verhindern?

Schlafstörungen und Angstzustände sind häufig die belastenden Folgen einer zugrundeliegenden (psychischen) Erkrankung. Wer Benzodiazepine einnimmt, muss wissen, dass diese Medikamente lediglich die oberflächlichen Symptome abmildern, jedoch nichts an den ursächlichen Problemen ändern. Vor der Behandlung mit den potenziell suchtauslösenden Wirkstoffen sollte deshalb ein ausführliches Informationsgespräch mit dem Arzt geführt werden. Dieser sollte das Behandlungsspektrum möglichst breit anlegen und über nicht-medikamentöse Möglichkeiten wie Sport, Psychotherapie oder Entspannungstechniken aufklären und diese gegebenenfalls in die Wege leiten. Darüber hinaus hilft die 4-K-Regel bei einem möglichst risikoarmen Medikamentenkonsum:

  • Klare Indikation: eindeutige Indikationsstellung, umfassende Aufklärung, keine Verordnung für Suchtpatienten
  • Korrekte Dosierung: kleinstmögliche Dosierung und geringe Packungsgrößen
  • Kurze Anwendung: von vornherein festgelegtes Therapieende und regelmäßige Kontrollen
  • Kein abruptes Absetzen: langsames Ausschleichen gegen Entzugserscheinungen und Rebound-Phänomene

Wie wird eine Benzodiazepinabhängigkeit behandelt?

Insbesondere Langzeitabhängige sollten einen Entzug niemals auf eigene Faust angehen, sondern professionelle Hilfe suchen und an einem Benzodiazepine-Entzug teilnehmen. Dieser beinhaltet eine körperliche Entgiftung und eine psychische Entwöhnung und erfolgt entweder ambulant oder stationär in einer spezialisierten Suchtklinik. Erfolgversprechender ist eine stationäre Therapie, da der Betroffene hier rund um die Uhr unter ärztlicher Überwachung steht und sich im geschützten Rahmen der Klinik vollständig auf die Entzugsbehandlung konzentrieren kann, ohne den alltäglichen Sucht-Triggern ausgesetzt zu sein. Um Nebenwirkungen und Absetzerscheinungen zu vermeiden, wird ein fraktionierter Entzug durchgeführt, d. h. das jeweilige Benzodiazepin wird kleinschrittig ausgeschlichen, indem die Dosis zunehmend verringert wird. Oft erfolgt parallel dazu die Umstellung auf Benzos mit mittlerer Halbwertszeit und guten Dosierungsmöglichkeiten wie Oxazepam oder Clonazepam. Zusätzlich können die Entzugserscheinungen medikamentös gelindert werden.

Die Behandlung der Benzodiazepin-Abhängigkeit kann entweder in öffentlichen Einrichtungen erfolgen; die Entzugskosten werden dann bis auf eine tägliche Eigenbeteiligung von 10 EURO von der Krankenkasse und der Rentenversicherung übernommen. Nachteilig an einem öffentlichen Entzug ist allerdings, dass er mit Zeitverzögerung in zwei separaten Einrichtungen stattfindet. Die Wartezeit zwischen Entgiftung (Krankenkasse) und Entwöhnung / Suchtrehabilitation (Rentenversicherung) beträgt mehrere Wochen, in denen aufgrund der nach wie vor bestehenden psychischen Abhängigkeit ein großes Rückfallrisiko besteht. In einer Privatklinik Sucht findet der gesamte Entzug ganzheitlich in einer einzigen Behandlung statt, verläuft intensiver und ist mit einem geringeren Rückfallrisiko verbunden.

Der Erfolg bei einem Entzug von Benzos ist durchaus positiv zu bewerten. Studien zufolge liegt die Abstinenzquote nach einem Jahr bei rund zwei Dritteln. Grundsätzlich gilt jedoch, dass ein Entzug langfristig nur erfolgreich sein kann, wenn die Betroffenen ihre Erkrankung einsehen und eine hohe Therapie- und Abstinenzmotivation mitbringen. Zudem ist die Grunderkrankung, aufgrund derer die Arzneimittel eingenommen werden, zu behandeln.

Raus aus der Benzo-Sucht: Schnelle Hilfe ist gefragt

Viele Patienten nehmen Benzodiazepine wie Lorazepam, Bromazepam oder Oxazepam oft deutlich länger ein, als gut für sie ist. Zu verlockend ist die Wirkung. Schließlich erscheinen mit nur einer Tablette alle Nöte und Sorgen nicht mehr ganz so belastend. Die eigene Erkrankung zu erkennen, ist demnach der erste und zugleich schwerste Schritt auf dem Weg aus der Benzodiazepinabhängigkeit.

Wer befürchtet, an einer Benzodiazepinsucht erkrankt zu sein, sollte umgehend seinen behandelnden Arzt ansprechen. Alternativ können Suchtberatungsstellen, die Krankenkassen, Suchtambulanzen oder private Entzugskliniken weiterhelfen. Insbesondere in privaten Fachkliniken können Betroffene sich nicht nur beraten lassen, sondern häufig auch eine schnelle, unbürokratische stationäre Aufnahme in die Wege leiten.

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