Ambulanter Alkoholentzug: Möglichkeiten & Risiken des nicht stationären Entzugs

Für Millionen Menschen in Deutschland gehört der Genuss von Alkohol zum ganz normalen Alltag. Doch je mehr sie trinken, umso größer ist die Gefahr, dass sie irgendwann die Kontrolle über den Alkoholkonsum verlieren und in eine Abhängigkeit geraten. Die letzte Rettung vor dem kompletten Absturz stellt für viele Betroffene dann meist eine Therapie dar. Hierfür stehen zwei Wege offen: stationäre Therapien oder ambulante Behandlungen. Die besten Erfolgsaussichten für einen Entzug bieten stationäre Therapiemodelle, bei denen Entgiftung und Entwöhnung parallel durchgeführt werden. Für viele Alkoholiker ist ein Klinikaufenthalt allerdings mit zahlreichen Ängsten und Befürchtungen verbunden, so dass sie lieber einen ambulanten Alkoholentzug durchführen. Wie läuft ein Alkoholentzug ambulant ab und mit welchen Chancen und Risiken müssen Patienten hierbei rechnen?

Was zeichnet einen ambulanten Alkoholentzug aus?

Im Gegensatz zu einem stationären Alkoholentzug, bei dem die Betroffenen in einer Klinik rund um die Uhr unter ärztlicher Aufsicht stehen, erfolgt der ambulante Entzug meist zuhause. Die Patienten profitieren dementsprechend nicht von einer 24-Stunden-Betreuung, können dafür aber in ihrem gewohnten Umfeld verbleiben. Die ärztliche Versorgung erfolgt normalerweise über den Hausarzt oder einen erfahrenen Suchtmediziner. Dieser untersucht in seiner Praxis regelmäßig den Gesundheitszustand und kann mit Medikamenten helfen, die Entzugserscheinungen zu lindern. Bei Notfällen zu Hause sind die Entziehenden im Gegensatz zum Entzug in einem allgemeinen Krankenhaus oder einer privaten Suchtklinik allerdings zunächst auf sich allein gestellt.

Lebensgefahr bei kaltem Entzug

Ein kalter Entzug erfolgt ebenfalls im eigenen Zuhause, allerdings ohne ärztliche Aufsicht oder anderweitige medizinische Begleitung. Die durch den sofortigen Trinkstopp ausgelösten Entzugserscheinungen treten in voller Stärke auf und können mitunter lebensgefährlich werden. So kann es bei rund 5 bis 15 % aller Entziehenden zum gefürchteten, lebensbedrohlichen Delirium tremens kommen, das unbedingt einer sofortigen Behandlung und kontinuierlichen ärztlichen Überwachung bedarf. Ein kalter Entzug ist deshalb unter keinen Umständen zu empfehlen!

Wie läuft ein ambulanter Alkoholentzug ab?

Bei einem Arzt bzw. einem speziell ausgebildeten Suchtmediziner findet zunächst eine ausführliche Beratung zum Ablauf und Vorgehen während des Entzugs statt. Anschließend erfolgen eine ausgiebige Untersuchung und die Besprechung einer individuellen Medikation. Während der Entgiftungsbehandlung ist es üblich, täglich in der Praxis des Arztes vorstellig zu werden. Hier wird nicht nur die gesundheitliche Verfassung des Patienten überprüft, sondern ggf. auch die Medikation angepasst. Sollte sich der Gesundheitszustand verschlechtern, überweist der Arzt umgehend zur weiterführenden Behandlung in eine Klinik. Sobald die ersten Tage des Entzugs überstanden sind, werden die Abstände zwischen den Kontrollterminen größer. Viele Patienten müssen in der zweiten Woche der Entzugsphase nur noch alle zwei Tage zur Kontrolle.

Ambulanter Alkoholentzug: Medikamente gegen Entzugserscheinungen

Die Nebenwirkungen des Entzugs sind das, wovor die meisten Alkoholiker große Angst haben. Sie fürchten sich vor körperlichen Schmerzen oder psychischen Symptomen, die ihnen die Entgiftung zusätzlich erschweren. Wird der ambulante Alkoholentzug mit dem Hausarzt durchgeführt, kann dieser mit der passenden Medikation eingreifen. Neben der Gabe von Vitamin B1 erfolgt häufig die Verabreichung von Benzodiazepinen (zum Beispiel Diazepam oder Oxazepam). Diese werden gegen Entzugserscheinungen wie innere Unruhe oder Schlaflosigkeit eingesetzt. Als krampflösendes Mittel wird vielfach Carbamazepin verabreicht.

Wer kann eine ambulante Alkoholtherapie in Anspruch nehmen?

Viele Patienten möchten ihre Suchterkrankung lieber nicht stationär angehen, weil sie ihr gewohntes Umfeld nicht verlassen wollen. Dennoch ist ein ambulanter Entzug nicht für alle Alkoholiker geeignet. Nur wenn die folgenden Voraussetzungen erfüllt werden, kann eine ambulante Therapie in Betracht gezogen werden:

  • Zur aktiven Mitarbeit bereit und fähig
  • Intaktes soziales Umfeld (nicht alleinlebend)
  • Hohe Abstinenz- und Therapiemotivation
  • Verlässliche und verantwortungsbewusste Einstellung
  • Keine gravierenden körperlichen oder psychischen Erkrankungen

Wer sollte keine ambulante Alkoholtherapie durchführen?

Patienten, die allein leben oder in einem konfliktreichen sozialen Umfeld zuhause sind, verfügen in der Regel nicht über die Voraussetzungen, um eigenverantwortlich und nur in Begleitung ihres Hausarztes eine ambulante körperliche Entgiftung durchzuführen. Dasselbe gilt für Menschen, bei denen eine oder mehrere der folgenden Kontraindikationen vorliegen:

  • Schwere Organschäden wie Leberzirrhose
  • Ausgeprägte psychische Komorbiditäten, z. B. eine schwere Depression oder Psychose
  • Suizidalität (Selbstmordgedanken oder -absichten)
  • Mischkonsum oder Mehrfachabhängigkeit
  • Zu erwartende Komplikationen der Entzugssymptomatik, z. B. ein bereits in der Vergangenheit stattgefundenes Delir oder Krampfanfälle
  • Langjährige und stark ausgeprägte Alkoholabhängigkeit
  • Ein schlechter Allgemeinzustand, wie z. B. Untergewicht
  • Patienten mit Bluthochdruck

Darüber hinaus scheiden alle Patienten aus, die bereits mehrfach (erfolglos) zu entziehen versucht haben oder die in ihrer Vorgeschichte mit schwerwiegenden Entzugssyndromen, wie zum Beispiel einem Delirium tremens oder Krampfanfällen, zu kämpfen gehabt haben.

Planung mit den Angehörigen

Suchtkranke, welche die Entgiftung vom Alkohol vorzugsweise im eigenen Zuhause durchführen möchten, sollten dies unbedingt vorab mit ihren Angehörigen besprechen. Schließlich ist der ambulante Alkoholentzug zu Hause auch für die Familie eine äußerst belastende Situation, die eine tatkräftige Unterstützung des Betroffenen erfordert. Vor dem Start der Entzugsbehandlung ist es deshalb wichtig, alle Details ausführlich zu besprechen.

Wie lange dauert ein ambulanter Entzug von Alkohol?

Wie viel Zeit der körperliche Entzug in Anspruch nimmt, ist von verschiedenen Faktoren abhängig. Während die schwersten Entzugserscheinungen bereits nach ein paar Tagen verschwinden, kann es bis zu 2 Wochen dauern, bis die letzten körperlichen Symptome beendet sind. Die psychische Abhängigkeit vom Alkohol hält wesentlich länger an und ist aufgrund des Suchtgedächtnisses lebenslang vorhanden. Daher sollte den Betroffenen unbedingt bewusst sein, dass die Entgiftung auf dem Weg in die Abstinenz nicht die einzige Hürde ist, die es zu meistern gilt, sondern dass auch die Behandlung der psychischen Alkoholabhängigkeit in Form einer Entwöhnung bzw. Suchtrehabilitation unabdingbar ist.

Wie sieht die ambulante Alkoholentwöhnung aus?

An den ambulanten Alkoholentzug sollte sich idealerweise unmittelbar eine Alkoholentwöhnung anschließen. Diese kann entweder ambulant in einer Tagesklinik oder als stationäre Rehabilitation in einer Rehaklinik der Deutschen Rentenversicherung erfolgen; die Kosten werden von der Rentenversicherung übernommen. Alternativ können die Entwöhnung oder auch die komplette Behandlung inklusive Entgiftung in einer Privatklinik Sucht stattfinden. Hier werden Patienten üblicherweise unmittelbar aufgenommen, so dass lange Wartezeiten mit hohem Rückfallrisiko entfallen. Wird eine öffentliche Einrichtung gewählt, sollten die Rehabilitanden unbedingt versuchen, das Nahtlosverfahren durchzusetzen, da sie andernfalls Wochen bis Monate auf einen Reha-Platz warten müssen.

Unabhängig von der gewählten Fachklinik, geht es im Rahmen der therapeutischen Aufarbeitung um die Ursachenfindung sowie die Entwicklung neuer Verhaltensstrategien und Denkmuster. Unterschiedlich sind lediglich die Intensität und Häufigkeit der Psychotherapie. Während diese im öffentlichen Bereich in der Regel in Gruppentherapien stattfindet, stehen bei den meisten privaten Angeboten auch intensive Einzeltherapien zur sozialen Stabilisierung auf dem Therapieplan.

Ambulante Therapie oder nicht? Treffen Sie Ihre Entscheidung bewusst

Eine ambulante Suchttherapie bei einem chronischen Alkoholkonsum kann für Betroffene empfehlenswert sein, wenn diese aufgrund ihrer individuellen Biografie im gewohnten sozialen Umfeld bessere Aussichten haben erfolgreich zu entziehen. Hierbei handelt es sich aber in der Regel um Ausnahmefälle. Deutlich schneller, mit besseren Erfolgsaussichten sowie geringerem gesundheitlichen Risiko entziehen Alkoholkranke stationär. Während eines stationären Aufenthalts werden Patienten intensiv betreut und können jederzeit mit der passenden medikamentösen Unterstützung rechnen – auch außerhalb der Öffnungszeiten einer Praxis. Dieselben Kriterien gelten für eine stationäre Entwöhnung.

Als besonders empfehlenswert erweist sich eine qualifizierte Entzugsbehandlung (Entwöhnung und Entgiftung) in einer privaten Klinik: Dort werden Betroffene im Rahmen der Therapie individuell und ganzheitlich von denselben Ärzten und Therapeuten behandelt und müssen sich nicht an unterschiedliche Einrichtungen gewöhnen. Je nach Klinik können die Suchtkranken ggf. schon nach 28 Tagen entlassen werden und den Neustart in ein Leben ohne Alkoholkonsum wagen. Weitere Informationen über mögliche Einrichtungen erhalten Sie unter: Alkoholentzugsklinik: Die wichtigsten Unterschiede plus Tipps zur Klinikwahl

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