Tabletten gegen Alkoholsucht: Wunderwaffe in der Therapie von Alkoholabhängigen?

Neuesten Studien zufolge pflegt jeder sechste Deutsche einen riskanten Alkoholkonsum. Das bedeutet, dass er regelmäßig mehr als die von der WHO empfohlene Menge reinen Alkohols zu sich nimmt. Allein im Jahr 2012 wurden über eine halbe Million Menschen aufgrund alkoholbedingter Erkrankungen in einem Krankenhaus behandelt. Die privaten und gesellschaftlichen Schäden, die hierzulande aufgrund des Alkoholkonsums und seiner Folgen jährlich entstehen, sind enorm. Umso stärker forschen Mediziner seit Jahren an Medikamenten, die dabei helfen sollen, den Alkoholkonsum zu regulieren oder gar einen Alkoholismus zu heilen. Mittlerweile befinden sich bereits verschiedene Präparate auf dem Markt. Doch können diese Tabletten Patienten mit einer Alkoholkrankheit wirklich helfen?

Wie funktionieren Medikamente gegen Alkoholsucht?

Alkohol wirkt auf die Psyche und das Bewusstsein des Menschen ein, indem es den Neurotransmitter-Stoffwechsel verändert. Die Ausschüttung verschiedener Botenstoffe wird angeregt, es kommt zu einer Erhöhung der Dopaminkonzentration und das Belohnungssystem wird aktiviert. Das Ergebnis: Wer Alkohol trinkt, fühlt sich entspannt, euphorisiert und glücklich. Weil im Gehirn gleichzeitig ein Suchtgedächtnis ausgebildet wird, wächst allerdings mit jedem Schluck das Verlangen nach mehr Alkohol. Parallel dazu gewöhnt sich der Organismus an das Trinken. Bleibt die gewohnte Dosis aus, kommt es zu Entzugserscheinungen. Medikamente gegen Alkoholsucht setzen normalerweise bei der psychischen Komponente der Abhängigkeit an. Sie blockieren das Belohnungszentrum im Gehirn und sorgen so dafür, dass die gewünschte Wirkung, nämlich das Erleben von Glücksgefühlen, ausbleibt. Das soll dafür sorgen, dass alkoholabhängige Menschen die Trink-Motivation verlieren oder zumindest keine größeren Mengen mehr konsumieren.

Daneben gibt es die sogenannten Anti-Craving-Substanzen. Diese sollen das Verlangen der Alkoholiker nach Alkohol reduzieren und sie so dazu verleiten weniger zu trinken. Eine dritte Gruppe von Tabletten gegen Alkoholsucht verfolgt den Ansatz der Aversionstherapie. Nach der Einnahme der entsprechenden Mittel können Patienten Alkohol weniger gut vertragen. Schon kleine Mengen sollen dann genügen, um eine starke Übelkeit oder Brechreiz hervorzurufen. Diese Methode ist allerdings umstritten. Arzneimittel, die zum Beispiel den Wirkstoff Disulfiram enthalten, werden deshalb in Deutschland heutzutage nur noch in Spezialambulanzen eingesetzt.

Welche Medikamente helfen gegen Alkoholsucht?

Zur Behandlung einer Alkoholabhängigkeit bzw. zur Aufrechterhaltung einer Abstinenz im Anschluss an einen körperlichen Entzug und eine stationäre Entwöhnung sind in den letzten Jahren verschiedene Medikamente auf den Markt gekommen. Einige Arzneimittel, die sich in Studien als wirksam erwiesen haben, sind allerdings in Deutschland (noch) nicht als Medikamente gegen Alkoholismus zugelassen.

Nalmefen

Seit 2014 ist Nalmefen als Medikament in Deutschland erhältlich. Das Präparat richtet sich an Patienten, die zwar bereits einen gefährlichen Alkoholkonsum pflegen, bei denen aber bislang noch keine körperlichen Entzugserscheinungen aufgetreten sind. Als Opioidantagonist blockiert der Wirkstoff die Aktivierung des körpereigenen Belohnungssystems und sorgt dafür, dass der angenehm euphorisierte Rauschzustand nach dem Genuss alkoholischer Getränke ausbleibt. Nalmefen dient somit in erster Linie der Reduktion der Trinkmenge. Damit es optimal wirkt, sollte es ein bis zwei Stunden vor dem Verzehr von Alkohol eingenommen werden.

Naltrexon

Naltrexon ist ein weiterer Opioidantagonist, der ebenfalls die Wirkung des Alkohols auf das Belohnungszentrum verhindert. Zu trinken bereitet den Patienten deutlich weniger Freude, weil die stimmungsaufhellenden Effekte ausbleiben. Der Wirkstoff behandelt demnach nicht die Erkrankung als solche, sondern wirkt genauso wie Nalmefen als Trinkhemmer.

Acamprosat

Acamprosat ist eine klassische Anti-Craving-Substanz, die verhindern soll, dass Alkoholiker nach einer Entgiftung rückfällig werden. Das Medikament verhindert die Entstehung des Cravings, kann allerdings nur dann wirksam werden, wenn zwischen der Einnahme und dem letztmaligen Alkoholkonsum mindestens fünf Tage liegen.

Baclofen

Baclofen ist zur medikamentösen Behandlung einer Alkoholabhängigkeit in Deutschland aktuell nicht zugelassen. Es handelt sich bei diesem Präparat eigentlich um ein Muskelrelaxans, dessen Wirkung gegen eine Alkoholabhängigkeit bislang noch nicht ausreichend in klinischen Studien bestätigt wurde. Im off-label-use wird das Medikament jedoch bisweilen trotzdem im Rahmen der Suchttherapie eingesetzt. Dann allerdings nur in schwerwiegenden Fällen, etwa wenn bereits eine ethyltoxisch induzierte Leberzirrhose vorliegt.

Gibt es wirklich ein Medikament gegen Alkoholsucht?

Bei genauerer Betrachtung der verschiedenen Arzneimittel, die derzeit zur Behandlung einer Alkoholabhängigkeit eingesetzt werden, fällt auf, dass diese stets nur einen Teilaspekt der Sucht bekämpfen bzw. außer Kraft setzen. Einige Medikamente gegen Alkoholsucht unterdrücken das Verlangen nach Alkohol, während andere die Wirkung des Suchtmittels regulieren oder ausblenden. Tatsächlich sind die meisten dieser Arzneimittel jedoch nur in Kombination mit einer professionellen Entzugstherapie wirklich geeignet, um Patienten langfristig zu helfen. Deshalb werden sie normalerweise auch erst im Anschluss an eine Entgiftung verschrieben, um den Zustand der Abstinenz dauerhaft aufrecht zu erhalten und zu verhindern, dass der Patient rückfällig wird. Wer versucht, seine Abhängigkeit ausschließlich mithilfe von Tabletten gegen Alkoholsucht zu behandeln, wird mit sehr großer Wahrscheinlichkeit scheitern. Schlimmer noch: Wer seinen übermäßigen Alkoholkonsum von jetzt auf gleich mithilfe von Medikamenten zu regulieren versucht, begibt sich automatisch in einen kalten Entzug, der schlimmstenfalls lebensgefährlich enden kann.

Es gibt Studien, die vorschlagen Präparate wie Nalmefen als Hilfsmittel einzusetzen, um kontrollierter trinken zu können. Dieser Ansatz gilt allerdings als fragwürdig. Zum einen ist bei Alkoholikern mit einem krankhaften Trinkverhalten ohnehin kein kontrolliertes Trinken mehr möglich, zum anderen wird die Suchtkrankheit in diesem Falle nicht behandelt, sondern lediglich unterdrückt. Dies kann bestenfalls dazu dienen, die schwerwiegenden gesundheitlichen Folgen einer möglichen Alkoholabhängigkeit zu verzögern. Genau diese Überlegung macht sich ein anderer Ansatz zunutze. So haben mehrere Krankenkassen sich dazu entschieden, die Verabreichung von Nalmefen für Alkoholiker zu unterstützen, die aktuell auf einen Therapieplatz in einer Entgiftungsklinik warten. Dank der Tabletten gegen Alkoholsucht soll verhindert werden, dass die Patienten während der Wartezeit weiterhin übermäßig viel trinken und dadurch noch stärkere gesundheitliche Schäden erleiden. Dieses spezielle Szenario repräsentiert die einzige Situation, in der Medikamente gegen eine Alkoholabhängigkeit schon vor dem Entzug sinnvoll sein können. Allerdings nur dann, wenn der Betroffene während der Wartezeit von einem erfahrenen Suchtmediziner behandelt wird.

Welche Medikamente bei Alkoholentzug sind üblich?

Ein Entzug unter ärztlicher Aufsicht in einem Krankenhaus wird als sogenannter warmer Entzug durchgeführt. Das bedeutet, dass eine individuelle Medikation Entzugserscheinungen verringert. Entscheidend ist, dass diese medikamentöse Therapie nicht der Bekämpfung der Alkoholabhängigkeit per se, sondern der Behandlung psychischer und körperlicher Symptome der Entgiftung dient. Typische Medikamente sind Chlometiazol, Haloperidol sowie diverse Benzodiazepine. Diese Mittel helfen bei Entzugsbeschwerden wie Krampfanfällen, Schlafstörungen oder Halluzinationen. Darüber hinaus kommen andere Medikamente während der Therapie zur Behandlung von Begleiterkrankungen zum Einsatz. So können verschiedene Wirkstoffe dabei helfen Depressionen, Burn-Out oder Angst- und Panikstörungen zu lindern.

Für Menschen, die an einer psychischen und körperlichen Abhängigkeit leiden, ist die stationäre Behandlung in einer Suchtklinik normalerweise das einzige Mittel gegen die Erkrankung. Dort finden die körperliche Entgiftung sowie die psychische Entwöhnung statt. Beide Seiten der Behandlung sind wichtig, damit eine dauerhafte Abstinenz realisiert werden kann. Das gilt insbesondere für die Entwöhnung. Nur wenn Betroffene lernen, wie sie nach dem Entzug auch ohne Alkohol zurechtkommen, ist das Ziel der dauerhaften Abstinenz für sie tatsächlich zu erreichen. Im Rahmen einer entsprechenden Therapie werden ihnen deshalb hilfreiche Strategien vermittelt, dank derer sie Rückfälle vermeiden und das Craving bekämpfen. Tabletten gegen Alkoholsucht können hierbei in Einzelfällen als Unterstützung hilfreich sein, stellen aber nach derzeitigem Stand der Forschung kein tatsächlich wirksames Mittel gegen Alkohol dar.

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