Schlafmittel-Abhängigkeit: Von der Schlafstörung in die Sucht

Laut Robert-Koch-Institut leidet ein Viertel aller Deutschen gelegentlich oder regelmäßig unter Schlafstörungen, wobei ältere Menschen verstärkt betroffen sind. Die Folgen können jedoch ungeachtet des Alters für jeden fatal sein, denn ein erholsamer Schlaf ist für Körper und Psyche essenziell. Wer nicht genug schläft, fühlt sich meist müde und abgekämpft, klagt über Konzentrations- und Leistungsschwäche sowie Stimmungsschwankungen. Darüber hinaus steigert Schlaflosigkeit das Risiko für ernstzunehmende Erkrankungen wie Depressionen. Kein Wunder also, dass viele Menschen bei Schlafproblemen zu Schlafmitteln greifen. Endlich wieder stressfrei ein- und durchschlafen können – eine Wohltat, die sich laut der Deutschen Gesellschaft für Schlafforschung und Schlafmedizin knapp zwei Millionen Menschen in der Bundesrepublik regelmäßig gönnen. Doch leider haben die schlaffördernden Effekte ihren Preis. Die Mittel können etliche Nebenwirkungen hervorrufen und sogar in eine Schlafmittel-Abhängigkeit führen.

Welche Schlafmittel machen abhängig?

Die Liste der schlaffördernden oder schlaferzwingenden Arzneimittel (Fachausdruck Hypnotika) ist lang. Viele Schlaftabletten sind frei verkäuflich und können in Drogerien und Apotheken erworben werden, andere hingegen gibt es nur auf Rezept vom Arzt. Je nach ausgewähltem Medikament ist das Suchtpotenzial sehr verschieden, wobei nicht ausschließlich verschreibungspflichtige Mittel eine Abhängigkeit auslösen können.

Phytopharmaka

Pflanzliche Schlafmedikamente besitzen für gewöhnlich nur eine leicht beruhigende oder schlaffördernde Wirkung. Besonders weit verbreitet sind Extrakte von Baldrian, Hopfen oder Passionsblumenkraut in Form von Tabletten, Tropfen oder Tees. Passend zu den eher geringen Wirkeffekten ist auch das Abhängigkeitspotential praktisch nicht vorhanden.

Antidepressiva

Einige Antidepressiva üben eine dämpfende und beruhigende Wirkung aus, die beim Einschlafen helfen kann. Es gibt sie allerdings nur auf Rezept, welches üblicherweise zur Behandlung einer Depression ausgestellt wird. Ein Abhängigkeitspotential ist nicht gegeben.

Neuroleptika

Für Neuroleptika bedarf es ebenfalls eines Rezepts. Für gewöhnlich werden diese Medikamente zur Behandlung psychotischer Störungen verabreicht. Es gibt jedoch verschieden potente Neuroleptika, die stärkeren werden bei Psychosen verabreicht. Einige leichtere Neuroleptika werden aufgrund ihrer dämpfenden Wirkung jedoch auch bei Schlafstörungen oder Unruhezuständen verwendet. Der Vorteil hier: Bei diesen Arzneimitteln besteht kein Abhängigkeitspotential. Daher kommen sie oft als Schlafmittel besonders gerne zum Einsatz, wenn Menschen aufgrund einer Suchthistorie keine potenziell suchtauslösenden Arzneimittel einnehmen dürfen.

Antihistaminika

Die meisten frei verkäuflichen Schlafmittel in Apotheken sind eigentlich Antihistaminika, die ursprünglich für die medikamentöse Behandlung von Allergien entwickelt wurden. Viele der Tabletten besitzen jedoch eine schlaffördernde Wirkung und werden deshalb gern und häufig als Einschlafhilfe genutzt – darunter die besonders bekannten Präparate Hoggar Night® und Vivinox®. Entgegen der allgemeinen Einschätzung sind diese Arzneimittel jedoch alles andere als ungefährlich. So können sie viele der für Schlafmittel charakteristischen Nebenwirkungen sowie einen Gewöhnungseffekt hervorrufen. Das kann zur Folge haben, dass die natürliche Schlafregulierung des Körpers immer weiter gehemmt wird, bis die Betroffenen ohne die Tabletten gar nicht mehr schlafen können.

Benzodiazepine

Benzodiazepine gehören neben den sogenannten Z-Substanzen zu den am häufigsten verschrieben Arzneimitteln gegen Schlafstörungen. Sie gibt es aus gutem Grund nur auf Rezept. Schließlich greifen diese Arzneimittel aktiv in den Botenstoffhaushalt des Patienten ein, können viele Nebenwirkungen und Wechselwirkungen auslösen und bergen zudem ein hohes Abhängigkeitspotenzial. Bekannte Wirkstoffe aus dieser Gruppe sind Lorazepam, Diazepam, Flurazepam, Tempazepam und Triazolam. Sie bewirken eine Veränderung in der Ausschüttung von Neurotransmittern im zentralen Nervensystem und führen so einen schnellen Schlaf herbei. Dieser ist aber bei weitem nicht so erholsam wie natürlicher Schlaf. Denn Benzodiazepine beeinflussen das Schlafmuster von Patienten und verkürzen beispielsweise die für eine erholsame Nacht so wichtigen Tiefschlafphasen. Darüber hinaus kann ihre Einnahme schon nach 2-3 Wochen abhängig machen.

Z-Substanzen

Z-Substanzen oder Z-Drugs bewirken im zentralen Nervensystem des Menschen ähnliche Effekte wie Benzodiazepine und galten lange als ungefährlichere Alternative. Tatsächlich bergen Zopiclon, Zolpidem und Zaleplon jedoch ein ähnlich großes Abhängigkeitspotential wie die Benzos. Daher sollten sie ebenfalls nur mit größter Vorsicht und auch nur kurzfristig eingenommen werden.

Wie schnell machen Schlaftabletten abhängig?

Schlafmittel wie Benzodiazepine und Z-Substanzen versprechen einen schnellen, erholsamen Schlaf. Und wer sich wochenlang mit Ein- oder Durchschlafproblemen gequält hat, nimmt diese Hilfe dankend an – oft, ohne sich Gedanken über die möglichen Konsequenzen zu machen. Dabei wird vor allem die Schnelligkeit, mit der eine Abhängigkeit entstehen kann, häufig stark unterschätzt. Je nachdem, welche Schlaftabletten eingenommen werden und wie hoch die individuelle Dosis ausfällt, ist die Entwicklung einer Abhängigkeit teilweise bereits nach zwei oder drei Wochen möglich. Insbesondere bei Benzodiazepinen kann sich so eine Abhängigkeit innerhalb kurzer Zeit manifestieren. Bei Z-Substanzen dauert es mitunter etwas länger, aber auch hier sind erste Suchttendenzen nach kürzester Zeit erkennbar.

Wer entwickelt eine Schlafmittel-Abhängigkeit?

Schlaflosigkeit oder Schlafprobleme können jeden treffen. Oft sind sie Ausdruck einer tieferliegenden psychischen Erkrankung, manchmal sind Lebenseinschnitte wie eine Trennung, Stress im Beruf oder ein Trauerfall die Ursache. Und genau wie jeder unter schlechtem oder mangelndem Schlaf leiden kann, besteht für jeden, der Schlaftabletten einnimmt, die Gefahr von diesen abhängig zu werden. Statistiken legen zwar nahe, dass ältere Menschen und Frauen besonders häufig von einer Schlafmittel-Abhängigkeit betroffen sind, jüngere Patienten oder Männer können aber ebenso erkranken.

Woran erkennt man eine Schaftabletten-Abhängigkeit?

Eine Schlaftabletten-Abhängigkeit entwickelt sich oft schleichend und wird vielen Patienten erst nach Monaten oder Jahren bewusst. Im ICD-10, dem internationalen Klassifikationsmanual der WHO für Krankheiten, werden mehrere Symptome definiert, anhand derer sich eine Abhängigkeit von Schlafmitteln zeigen kann:

  • Die Gedanken kreisen immer häufiger um die Medikamente, während andere Lebensbereiche und Interessen zunehmend in den Hintergrund geraten.
  • Es besteht ein starkes Verlangen nach der Medikamenteneinnahme (Craving).
  • Die Kontrolle über die eingenommene Menge sowie die Dauer der Einnahme geht zunehmend verloren.
  • Trotz erheblicher Nebenwirkungen wird die Einnahme der Schlaftabletten fortgesetzt.
  • Die Wirkung der Medikamente lässt zunehmend nach, sodass die Dosis erhöht werden muss (Toleranzentwicklung).
  • Werden die Tabletten nicht oder verspätet eingenommen, treten Entzugserscheinungen auf.

Den meisten Menschen wird ihre Abhängigkeit von verschreibungspflichtigen Schlafmitteln erst dann bewusst, wenn Entzugserscheinungen auftreten. Insbesondere bei längerer Einnahme und einer hohen Dosis machen sie sich besonders schnell bemerkbar. Typisch sind:

  • Angstzustände und Panikattacken
  • Schlafstörungen
  • Stimmungsschwankungen und Aggressionen
  • Magen-Darm-Beschwerden
  • Innere Unruhe
  • Zittern
  • Krampfanfälle

Patienten, die an einer Abhängigkeit leiden, müssen allerdings nicht alle der obigen Symptome und Entzugserscheinungen aufweisen. So ist es möglich, dass manche Suchtpatienten (vor allem in der Niedrigdosisabhängigkeit) trotz ihrer Abhängigkeitserkrankung weiter “funktionieren”, ohne durch Nebenwirkungen, Entzugserscheinungen oder Suchtverlangen beeinträchtigt zu sein. Und auch wenn Entzugserscheinungen auftreten, müssen diese nicht zwangsläufig exakt mit der obigen Auflistung übereinstimmen. Suchterkrankungen sind sehr individuell und verlaufen selten nach einem bestimmten Schema-F. Umso entscheidender ist, dass Menschen, die Schlafmittel nehmen, sich selbst, ihr Verhalten und die Tabletteneinnahme selbstreflektiert bewerten.

Warum ist eine Abhängigkeit von Schlafmitteln gefährlich?

Schlafstörungen sind unangenehm und belastend. Deshalb nehmen viele Menschen die verschiedenen Nebenwirkungen von Benzodiazepinen, Z-Drugs oder anderen Mitteln in Kauf. Langfristig können diese aber ernsthafte Folgen nach sich ziehen. Die Sucht ist schließlich nur ein mögliches Risiko, das die dauerhafte Einnahme birgt. Weitere Langzeitfolgen sind:

  • Emotionale Abstumpfung und Freudlosigkeit
  • Stimmungsschwankungen und Persönlichkeitsveränderungen
  • Erhöhte Sturzgefahr, Gleichgewichtsstörungen und motorische Einschränkungen
  • Depressionen und Suizidgedanken
  • Gedächtnis- und Leistungsstörungen
  • Demenz

Die Folgen der körperlichen und psychischen Abhängigkeit sind zudem nicht nur für sich genommen belastend, sondern können bei Vorerkrankungen oder Wechselwirkungen mit anderen Medikamenten sogar lebensgefährlich werden. Wer beispielsweise Alkohol oder Opiate und Opioide mit den Schlaftabletten mischt, riskiert eine Abflachung der Atemtätigkeit, die bis zum Atemstillstand führen kann. Darüber hinaus ziehen sich viele Betroffene aufgrund ihrer Suchterkrankung zusehends zurück. Nicht selten führt dies zum Verlust von Beruf sowie Freundes- und Familienkreis und gipfelt schließlich in der sozialen Isolation.

Wie wird eine Schlafmittel-Abhängigkeit behandelt?

Für eine erholsamere Nacht nehmen viele Menschen regelmäßig Medikamente ein, die einen tiefen und / oder schnellen Schlaf versprechen. Weil die Tabletten üblicherweise von einem Arzt verordnet werden oder frei verkäuflich in der Apotheke erhältlich sind, zerbrechen sich nur die wenigsten von ihnen den Kopf über eine mögliche Suchterkrankung. Und selbst wenn die ersten Anzeichen einer Abhängigkeit nicht mehr zu leugnen sind, scheuen viele Betroffene vor einer Therapie zurück. Dabei ist ein professioneller Entzug das einzige, was langfristig gegen die Abhängigkeitserkrankung und das Schlafproblem hilft. Und genau hier liegt das Hauptproblem vieler Suchtkranker. Sie haben Angst vor den Entzugserscheinungen, befürchten, ohne die Medikamente gar nicht mehr schlafen zu können oder schämen sich aufgrund ihrer Suchterkrankung. Dabei ist all dies gar nicht nötig:

1. Keine Angst vor Stigmatisierung

Die Medikamentenabhängigkeit ist eine anerkannte psychische Erkrankung, die in keinem Zusammenhang mit einer Charakter- oder Willensschwäche steht. Ärzte, Suchtberater und Therapeuten legen großen Wert darauf, dies auch den Betroffenen selbst klarzumachen. Denn nur, wenn sie ihre Erkrankung als solche anerkennen und aktiv bekämpfen wollen, können sie die nötige Motivation für einen Entzug aufbringen.

2. Keine Furcht vor Entzugserscheinungen

Im Rahmen einer professionellen Entzugstherapie müssen beim Absetzen der Arzneimittel weder starke Nebenwirkungen noch Entzugserscheinungen befürchtet werden. Das gelingt, indem die Schlaf- und Beruhigungsmittel nicht einfach abgesetzt, sondern langsam ausgeschlichen werden. Hierfür wird die Dosis über einen längeren Zeitraum hinweg kleinschrittig reduziert. Dadurch verringern sich mögliche Absetzerscheinungen deutlich. Treten trotzdem Entzugssymptome auf, werden diese umgehend mit einer alternativen Medikation gelindert.

3. Keine Bedenken wegen der Schlafstörung

Ein wichtiger Teil der Entzugstherapie besteht darin, die Ursachen für die Probleme rund um das Thema Schlaf zu identifizieren und aktiv anzupacken. Denn wenn die Schlafstörung über den Entzug hinaus bestehen bleibt, droht permanente Rückfallgefahr. Deshalb werden Patienten während der Entzugstherapie intensiv therapeutisch begleitet und lernen alles über Schlafhygiene, schlaffördernde Sport- und Achtsamkeitsübungen, Meditation und sonstige der geistigen Entspannung dienenden Verfahren. Psychische Grunderkrankungen wie z.B. Depressionen, werden mitbehandelt. Denn Schlafstörungen können auch ein Symptom einer Depression sein. Behandelt man die Depression, behandelt man zugleich die Schlafstörung.

Abhängig von Schlaftabletten: Wer ist der richtige Ansprechpartner?

Ob es um leichte, rezeptfreie Schlafmittel oder vom Arzt verordnete starke Schlafmittel geht – wer befürchtet die Kontrolle über seinen Tablettenkonsum zu verlieren oder bereits ernstzunehmende Anzeichen einer Schlafmittel-Abhängigkeit bei sich feststellt, sollte möglichst schnell handeln. Erste Ansprechpartner können der eigene Arzt oder der Apotheker sein. Auch in Suchtberatungsstellen, die beispielsweise von der Diakonie, dem DRK, der Caritas und verschiedenen lokalen Trägern angeboten werden, bekommen Betroffene Hilfe und Informationen. Alternativ ist es möglich, sich direkt an spezialisierte Kliniken zu wenden. Insbesondere in privaten Suchtkliniken werden Patienten intensiv aufgeklärt und können sogar binnen kürzester Zeit eine stationäre Aufnahme erwirken. Vorherige telefonische Beratung oder eine Klinikbesichtigung ist in der Regel in privaten Suchtkliniken möglich.

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