Diazepam: Die Pille gegen die Angst

Angst ist ein Grundgefühl, das durchaus nützlich sein kann. Es dient dazu uns in bedrohlichen Situationen zu schützen, und wird dementsprechend immer dann aktiviert, wenn Gefahr droht. Die Sinne werden schärfer, der Puls beschleunigt sich und die Reaktionsgeschwindigkeit wird gesteigert. Es kann jedoch passieren, dass die Angst als Reaktion außer Kontrolle gerät bzw. scheinbar grundlos auftritt. In einem solchen Fall sprechen Mediziner von einer Angststörung, die als psychische Erkrankung für die Betroffenen enorm belastend sein kann. So können die Symptome so stark ausgeprägt sein, dass der Alltag schier unbezwinglich erscheint. In solchen Fällen helfen Medikamente mit Wirkstoffen wie Diazepam kurzfristig, die Angstgefühle zu unterdrücken und sorgen auf diese Weise für Entspannung. Dennoch ist die Einnahme von Diazepam umstritten, denn sie geht mit vielen Nebenwirkungen und der Gefahr einer Abhängigkeit einher.

Was ist Diazepam für ein Medikament?

Diazepam ist im eigentlichen Sinne kein Medikament, sondern ein medizinischer Wirkstoff, der für die Herstellung verschiedener Arzneimittel verwendet wird. Der Stoff entstammt der Gruppe der Benzodiazepine und besitzt eine anxiolytische (angstlösende) Wirkung. Nach der Einnahme von Tabletten oder Tropfen mit Diazepam reduzieren sich die Angstgefühle deutlich und die Betroffenen können sich endlich wieder entspannen. Herzrasen, Schweißausbrüche, innere Unruhe, Beklemmungen und das Gefühl einer diffusen Bedrohung lassen nach. Deshalb gilt Diazepam als typischer Tranquilizer, der aufgrund seiner dämpfenden Wirkung von der Weltgesundheitsorganisation in die Liste der unentbehrlichen Medikamente aufgenommen wurde. Bei der Verstoffwechselung der Substanz entstehen die Abbauprodukte (Metaboliten) Temazepam und Oxazepam, die ebenfalls zu den Benzodiazepinen zählen.

Entwickelt wurde der Wirkstoff ursprünglich vom US-amerikanischen Chemiker Leo Sternbach, der für den Konzern Hoffman-La Roche mehr als 240 Medikamente auf den Markt brachte und bereits für die Herstellung des ersten Benzodiazepins, Chlordiazepoxid, verantwortlich war. Als Diazepam erstmals in einem Arzneimittel verarbeitet und vertrieben wurde, geschah dies unter dem Markennamen Valium®. Heute sind es vor allem Präparate wie Diazepam-ratiopharm®, Valiquid® oder Diazep®, welche dieselbe Wirkung aufweisen und die Patienten in Deutschland verschrieben bekommen.

Wofür wird Diazepam angewendet?

Medikamente, die Diazepam enthalten, werden normalerweise zur kurzzeitigen Behandlung von akuten Panikattacken und Angststörungen angewendet. In einigen Fällen kann das Arzneimittel auch zur symptomatischen Behandlung chronischer Erregungs- und Spannungszustände verordnet werden. Für die Behandlung von Schlafstörungen wird der Arzneistoff hingegen äußerst selten verschrieben. Je nach Indikation kann der behandelnde Arzt entweder Tabletten, Tropfen oder Zäpfchen verordnen.

Wann tritt die Diazepam-Wirkung ein und wie äußert sie sich?

Die Diazepam-Wirkung beeinflusst direkt und unmittelbar das zentrale Nervensystem des Menschen. Dabei geht der Arzneistoff zunächst durch die Magenschleimhaut in den Blutkreislauf über und wird von dort binnen weniger Minuten ins Gehirn des Patienten transportiert, da er die sogenannte Blut-Hirn-Schranke problemlos überwinden kann. Im menschlichen Gehirn entfaltet Diazepam seine Wirkung, indem es sich an die sogenannten GABA-Rezeptoren bindet und die Weiterleitung von Unruhe, Spannungszuständen und Angstgefühlen hemmt. Die Ursachen einer Angst- oder Panikstörung werden durch den Wirkstoff allerdings nicht behoben, sondern lediglich die Symptome gemildert. Wer die vom Arzt verordnete Dosis der Tabletten oder Tropfen einnimmt, kann aufgrund der langen Halbwertszeit und der hohen Lipidlöslichkeit normalerweise in wenigen Minuten mit dem Einsetzen der Wirkung rechnen. Die genaue Halbwertszeit richtet sich nach dem Lebensalter des Patienten. So wird die Substanz bei jüngeren Menschen in rund 30 Stunden zur Hälfte abgebaut, während die Halbwertszeit bei älteren Menschen bis zu 80 Stunden betragen kann.

Mit welchen Diazepam-Nebenwirkungen & Wechselwirkungen müssen Patienten rechnen?

Zu den klassischen Nebenwirkungen, die Valium®, Diazepam-ratiopharm® und andere Medikamente mit demselben Inhaltsstoff mit sich bringen, gehören:

  • Kopfschmerzen
  • Schwindel
  • Gangstörungen
  • Muskelschwäche
  • Müdigkeit
  • Depressionen
  • Gedächtnislücken
  • Übelkeit, Erbrechen und andere Magen-Darm-Beschwerden

Da Gangunsicherheit und Muskelschwäche zu den typischen Diazepam-Nebenwirkungen gehören, kann es bei älteren Patienten im Zuge der Behandlung häufig zu Stürzen kommen. Ebenso können im fortgeschrittenen Lebensalter paradoxe Reaktionen als Nebenwirkungen auftreten. In diesem Fall wirken die Medikamente nicht beruhigend, sondern erregen zusätzlich, rufen Sinnestäuschungen und Halluzinationen hervor oder machen aggressiv.
Neben den Nebenwirkungen sind außerdem die Gegenanzeigen und Wechselwirkungen zu beachten. So dürfen Arzneimittel mit diesem Wirkstoff bei folgenden Indikationen nicht eingenommen werden:

  • Bestehender Suchterkrankung
  • Schweren Leberschäden
  • Krankhafter Muskelschwäche (Myasthenia gravis)
  • Beeinträchtigung der Atemfunktion
  • Schlafapnoe-Syndrom

Wer Valium® und vergleichbare Präparate einnimmt, sollte bedenken, dass verschiedene andere Medikamente und Substanzen, die ebenfalls auf den Neurotransmitter-Stoffwechsel des Menschen einwirken, nicht gleichzeitig mit dem Benzodiazepin angewendet werden sollten. Hierzu gehören neben Alkohol diverse Schlafmittel, Beta-Blocker, Antidepressiva sowie einige Schmerzmittel. Auch Medikamente wie Neuroleptika, Lithium-Präparate oder Arzneimittel zur Behandlung von Narkolepsie sollten nur nach Rücksprache mit dem Arzt gemeinsam mit Diazepam eingenommen werden. Besondere Vorsicht ist zudem in der Schwangerschaft, bei stillenden Frauen und Kindern geboten. Hier empfiehlt sich eine Behandlung mit Diazepam-ratiopharm® oder anderen Präparaten nur nach einer umfangreichen Nutzen-Risiko-Abwägung.

Wie gefährlich ist Diazepam wirklich?

Bei gesunden, jüngeren Menschen ist Diazepam bei kurzfristiger Einnahme in der Regel nicht gefährlich. Da die Grenzen zur Abhängigkeit oft fließend verlaufen und die medikamentöse Behandlung eventuell über den empfohlenen Zeitraum hinaus verlängert werden muss, ist es dennoch sinnvoll, den behandelnden Arzt auf ein Mittel ohne Abhängigkeitspotenzial anzusprechen. Bei leichteren Angststörungen helfen eventuell natürliche Mittel wie Baldrian oder Hopfen und/oder eine psychologische Behandlung.

Bei längerer Einnahme können Benzodiazepine neben ihren unerwünschten Wirkungen eine Medikamentenabhängigkeit auslösen. Dies gilt ebenfalls für Diazepam. Damit stehen Benzodiazepine in einer Reihe mit anderen psychoaktiven Stoffen, die direkt auf die Botenstoffe des zentralen Nervensystems wirken und zu denen auch Alkohol und Drogen gehören. Eine Diazepam-Abhängigkeit wird umso wahrscheinlicher, je länger die Anwendung der Tabletten oder Tropfen erfolgt.

Wer süchtig nach Diazepam wird, bekommt diese Abhängigkeit auf unterschiedliche Arten zu spüren. Da wären zum einen die Entzugserscheinungen, die immer dann auftauchen, wenn die Einnahme des Medikaments sich zeitlich verzögert oder wenn die Dosis in mg nicht stark genug ist. Darüber hinaus sehen sich Betroffene meist mit einer Toleranzentwicklung konfrontiert. Die beruhigende Wirkung des Medikaments wird plötzlich nur noch erzielt, wenn die Dosierung gesteigert wird. Üblicherweise kreisen die Gedanken mehr und mehr um das Medikament und die Einnahme; die Tabletten oder Diazepam-Tropfen werden sogar dann eingenommen, wenn schon negative Begleiterscheinungen auftreten. Dadurch rutschen die Patienten immer weiter in die Abwärtsspirale hinein, bis sie sich irgendwann nicht mehr allein aus dem Teufelskreis befreien können.

Wie behandelt man eine Diazepam-Abhängigkeit?

Vielen Patienten scheint es paradox, dass ein Medikament, das Beschwerden lindern soll, in eine Abhängigkeit führen kann. Und genau dies ist der Grund dafür, dass eine Medikamentenabhängigkeit vielfach erst dann bemerkt wird, wenn es bereits zu spät und ein selbstständiges Absetzen des Präparats aufgrund der Absetzerscheinungen nicht mehr möglich ist. So zieht sich die Reduzierung der Dosis oft über mehrere Wochen hin, der Betroffene steht ohne einen ausreichend hohen Wirkstoffpegel dauerhaft unter Hochspannung. Deutlich leichter für Patienten ist ein stationärer Entzug in einer Suchtklinik. Hier wird das Medikament im Rahmen der Therapie ganz langsam ausgeschlichen und durch ein Benzodiazepin mit mittlerer oder kurzer Halbwertszeit ersetzt, das mögliche Wirkstoff-Depots durch kürzere Abbauzeiten reduziert.

Wer seine Abhängigkeit von Diazepam überwinden möchte, muss aber nicht nur den körperlichen Entzug überstehen. Um die sogenannte psychische Entwöhnung zu meistern, ist es wichtig, dass die zugrundeliegende Erkrankung, die eine Behandlung mit Benzodiazepinen überhaupt erst notwendig gemacht hat, behandelt wird. Oftmals liegen posttraumatische Belastungsstörungen, Depressionen oder andere Stressoren vor, wenn Patienten unter chronischen Spannungs- und Erregungszuständen leiden. Eine psychotherapeutische Behandlung hilft dabei, die zugrundeliegende Krankheit zu identifizieren und erfolgreich zu behandeln, sodass auf lange Sicht keine Beruhigungsmittel mehr notwendig sind.

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