Tavor®-Entzug-Dauer: Wie lange dauert der Entzug von Benzodiazepinen wirklich?

Tavor® wird in erster Linie für seine angstlösende, beruhigende und schlaffördernde Wirkung geschätzt und kann in akuten Belastungssituationen schnell eine psychische Erleichterung bringen. Es hüllt die Betroffenen gewissermaßen in einen schützenden Kokon, der negative Empfindungen wie Angst, Panik oder Trauer fernhält. Daher ist es durchaus nachvollziehbar, dass viele Menschen das Medikament mit dem Wirkstoff Lorazepam dauerhaft einnehmen. Allerdings ist das Medikament für den Dauergebrauch nicht geeignet, sondern gehört ausschließlich in die Notfall- und Akutbehandlung. Bei einer Dauerbehandlung neigen die Patienten dazu die Dosis immer weiter zu steigern, da die erhoffte dämpfende Wirkung rasch nachlässt. Weil sich aber schon nach 2-3 Wochen eine Abhängigkeit entwickelt, zeigen sich dann auch beim Versuch des Absetzens unschöne Entzugssymptome.

Wieviel Zeit muss für einen Tavor®-Entzug eingeplant werden?

Die Frage nach der Tavor®-Entzug-Dauer lässt sich nicht allgemein beantworten, sondern richtet sich nach der Suchtbiografie des einzelnen Patienten. Eine ältere Dame, die Tavor® über Jahre hinweg konsumiert, um besser ein- und durchschlafen zu können, benötigt beispielsweise eine andere Entzugsdauer als der Yuppie, der Tavor® als beruhigenden Downer zum Stimulans Kokain benutzt. Auch der Betroffene, der durch einen Todesfall in der Familie an Depressionen leidet und Tavor® einnimmt, um den Alltag besser bewältigen zu können, wird mit großer Wahrscheinlichkeit eine andere Zeit brauchen als die ersten beiden Personen. Neben der Länge und Höhe der Einnahme spielen das Lebensalter, ein eventueller Mischkonsum mit anderen Substanzen, mögliche Begleiterkrankungen und das soziale Umfeld eine Rolle für die Dauer des Tavor®-Entzugs. Grundsätzlich ist von einer Tavor®-Entzug-Dauer von mehreren Wochen bis Monaten auszugehen, da das Medikament langsam ausgeschlichen werden muss und darüber hinaus Wirkstoff-Depots im menschlichen Fettgewebe gespeichert wurden.

Dauer und Höhe der Dosis

Bei der täglichen Einnahme von Tavor® über einen längeren Zeitraum hinweg, gewöhnen sich Körper und Psyche an die Wirkung von Lorazepam. Der Neurotransmitter-Stoffwechsel passt sich komplett dem Benzodiazepin und seiner dämpfenden Wirkung an und auch die Seele mag in vielen Fällen nicht mehr ohne ihren kleinen Helfer sein. Eine einfache Faustregel bringt es auf den Punkt: Je länger die Einnahme und je höher die Dosis, desto mehr Zeit muss für den Entzug eingeplant werden. Bei der Patientin mit der Schlafstörung sollte die Reduzierung des Wirkstoffs daher besonders langsam und in minimalen Schritten erfolgen, damit der Körper ausreichend Zeit hat, um sich auf den veränderten Wirkstoffspiegel einzustellen. Außerdem sollte in diesem Fall ein anderes, nicht süchtig machendes Medikament eingesetzt werden, z.B. ein niederpotentes Neuroleptikum wie Pipamperon.

Lebensalter

Bei älteren Patienten verlängert sich die Wirkdauer von Lorazepam, da der gesamte Stoffwechsel langsamer arbeitet und für den Abbau mehr Zeit benötigt. Dadurch dauert zugleich auch der Tavor®-Entzugs etwas länger als bei jüngeren Patienten. Prinzipiell gilt aus diesem Grund sowieso die Faustregel, dass ältere Menschen die Hälfte der gängigen Medikamentendosis eines jüngeren Patienten bekommen sollten.

Mischkonsum und Mehrfachabhängigkeiten

Wird das Medikament Tavor® gemeinsam mit anderen Substanzen wie Alkohol oder Kokain eingenommen, müssen beide Abhängigkeiten parallel behandelt werden, um Ping-Pong-Effekte zwischen den Suchterkrankungen zu vermeiden. Damit wird der Tavor®-Entzug komplizierter und langwieriger. Schließlich liegen je nach Substanz verschiedene Halbwertszeiten und unterschiedliche Entzugserscheinungen vor. Im Falle eines Mischkonsums von Tavor® mit Kokain, besitzt das Benzodiazepin eine wesentlich längere Halbwertszeit als Kokain. Die Entgiftung von Kokain wird also schneller abgeschlossen sein als der körperliche Entzug von Tavor®. Darüber hinaus führt ein Kokain-Entzug zu einer starken Antriebslosigkeit, die den Benzo-Entzug mit sehr hoher Wahrscheinlichkeit erschweren wird.

Begleiterkrankungen / Komorbiditäten

Die meisten Suchtkranken weisen mindestens eine Begleiterkrankung auf. Um die Tavor®-Abstinenz nach dem Entzug zu stabilisieren, ist es wichtig, die jeweilige psychische Erkrankung mitzubehandeln. Andernfalls besteht das Risiko, dass der Patient erneut zu Tavor® greift, um seinen Alltag besser bewältigen zu können. Die Tavor®-Entzug-Dauer wird also maßgeblich davon beeinflusst, wie gut und wie schnell der Patient auf die Behandlung seiner Angststörung oder Depression anspricht. Die Therapie erfolgt in der Regel durch eine intensive Psychotherapie und die Gabe nicht abhängig machender Antidepressiva, die auch nach dem Entzug weitergenommen werden sollten.

Soziales Umfeld

Patienten mit einer Benzodiazepin-Abhängigkeit werden ihren Entzug umso schneller und erfolgreicher abschließen, je stabiler das soziale Umfeld ist. Bestehen Probleme am Arbeitsplatz oder in der Familie, können sich die Betroffenen erfahrungsgemäß meist nicht komplett auf die Entzugsbehandlung einlassen, so dass sich die Entzugsdauer unter Umständen verlängern kann. Darüber hinaus besteht nach dem Entzug ein größeres Risiko, rückfällig zu werden. Schließlich verspricht das Suchtmittel nicht nur Beruhigung, sondern auch schnellen Trost, der bei einem schwierigen Umfeld anderweitig oft nicht zu erhalten ist.

Welche Faktoren nehmen weiterhin einen Einfluss auf die Länge der Entzugstherapie?

Neben der persönlichen Lebenssituation des Patienten beeinflussen die Art der Therapie und die Wahl der Klinik die Länge der Suchtbehandlung. Bei einem ambulanten Entzug unter Überwachung eines niedergelassenen Arztes wird auch die Entwöhnung in der Regel ambulant bei einem Psychotherapeuten durchgeführt. Es liegt auf der Hand, dass ein, maximal zwei, wöchentliche Besuche nicht so effektiv sein können wie eine stationäre Entwöhnung, während der jeden Tag konsequent an der Suchtproblematik gearbeitet wird. Ein kalter Entzug von Tavor® zu Hause sollte wegen der Gefahr schwerer Entzugssymptome (epileptische Anfälle, Delir) nicht durchgeführt werden.

Wird Tavor® / Lorazepam in einer Klinik entzogen und entwöhnt, muss zwischen der Therapie in öffentlichen Einrichtungen und dem Entzug in einer privaten Suchtklinik unterschieden werden. So gehört die Entgiftung in einem Akutkrankenhaus oder einer Psychiatrie zum Leistungskatalog der Krankenkassen, wohingegen die Entwöhnung in einer Rehaklinik der Rentenversicherung erfolgt und zunächst beantragt werden muss. Man spricht hier von einer Suchtrehabilitation. Zwischen beiden Behandlungen liegen mehrere Wochen, welche die Tavor®-Entzug-Dauer zusätzlich verlängern. Findet die Behandlung in einer Privatklinik statt, verlaufen Entgiftung und Entwöhnung in einer einzigen Behandlung bei denselben Ärzten und Therapeuten. Die Wartezeit zwischen beiden Behandlungsschritten entfällt und die Therapie ist in der Regel deutlich intensiver, so dass insgesamt weniger Zeit benötigt wird.

Wie erfährt man seine persönliche Tavor®-Entzug-Dauer?

Da der Verlauf und die Dauer eines Tavor®-Entzugs höchst unterschiedlich sind, wird sich eine genauere Zeitangabe für die Behandlung erst durch das Anamnesegespräch mit den behandelnden Ärzten und die Laboruntersuchungen ergeben. Und selbst dann handelt es sich nur um eine voraussichtliche Aussage zur Tavor®-Entzug-Dauer. Schließlich können während der Entzugs Umstände auftreten, die eine Verlängerung der Behandlung erforderlich machen. Darüber hinaus leiden Patienten in seltenen Fällen an protrahierten (verlängerten) Tavor®-Entzug-Symptomen, die über den Entzug hinausgehen und erst einige Zeit danach nachlassen. Wichtig ist es, sich selbst nicht unter Druck zu setzen und sich auf ein bestimmtes Enddatum zu fixieren, sondern Körper und Seele die Zeit zu geben, die individuell notwendig ist. Schließlich finden der gesamte Organismus und die Konzentration der Botenstoffe erst nach und nach zurück ins Gleichgewicht.

Weshalb dauert der Tavor®-Entzug so lange?

Wie bereits erwähnt, müssen Benzodiazepine wie Lorazepam oder Diazepam allmählich in einem fraktionierten Entzug ausgeschlichen werden, um die Absetzerscheinungen so gering wie möglich zu halten. Dies gilt im Übrigen auch für andere Medikamente wie Z-Substanzen (Schlafmittel) und Opioide (Schmerzmittel). Parallel zur Entgiftung müssen die psychischen Suchtursachen in einer umfangreichen Psychotherapie eruiert, behandelt und durch gesunde Verhaltensstrategien ersetzt werden. In Summe benötigen der Prozess des Ausschleichens, die Behandlung von Angst und / oder Depression und die Psychotherapie eine deutlich längere Zeit als beispielsweise ein Alkoholentzug.

Ist die Abhängigkeit von Tavor® nach der Entzugsbehandlung beendet?

Im Vergleich zu anderen Suchtmittelabhängigkeiten stehen die Prognosen für den Erfolg eines Benzodiazepin-Entzugs laut der Deutschen Hauptstelle für Suchtfragen am günstigsten (1). Dennoch wird die Tavor®-Abhängigkeit durch das entstandene Suchtgedächtnis nie vollständig geheilt werden können, so dass das Verlangen (Craving) nach Lorazepam und der damit verbundenen Sedierung immer mal wieder aufflackern kann. Dies gilt besonders für belastende Lebenssituationen. Durch die Entzugsbehandlung werden die Patienten dazu befähigt, das Verlangen zu beherrschen und Stress und Belastungen durch alternative Strategien zu bewältigen. Um dauerhaft mit der Sucht umgehen zu können und nicht wieder in alte Verhaltensmuster zurückzufallen, ist eine ambulante Nachsorge daher ganz wichtig. Die Patienten können hier ihr Verhalten in aktuellen Risikosituationen mit dem Therapeuten besprechen und anpassen. Die Auseinandersetzung mit der Abhängigkeit reicht also weit über die Tavor®-Entzug-Dauer hinaus.

Quellen:

  1. Deutsche Hauptstelle für Suchtanfragen e. V.https://www.medikamente-und-sucht.de/behandler-und-berater/pharmakologie-und-behandlung/benzodiazepine.html

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