Opiatentzug: Der Entzug von Opiaten und Opioiden im Überblick

Opiate und Opioide werden meist als Schmerzmittel eingesetzt, können aber auch als Droge missbraucht werden. Man denke an ausgekochte Fentanyl-Pflaster, die Rap-Droge Tilidin oder Heroin, das als einzige opioiderge Substanz ausschließlich zu Rauschzwecken konsumiert wird. Einerseits sind Opiate und Opioide die stärkste Waffe im Kampf gegen den Schmerz, andererseits können sie innerhalb kürzester Zeit in eine Abhängigkeit führen, die in der Regel nur durch einen Opiatentzug beendet werden kann. Wie dieser abläuft, mit welchen Opioid-Entzugssymptomen Sie rechnen und worauf Sie während der Behandlung achten müssen, erfahren Sie bei uns.

Was ist ein Opiatentzug?

Der Begriff “Opiatentzug” bezeichnet die Behandlung einer Opiat-Abhängigkeit und ist mit Entzugserscheinungen verbunden. Häufig wird er synonym „Opioidentzug“ genannt, weil die synthetischen Opioide und die natürlichen Opiate derselben Wirkstoffgruppe zugerechnet werden. Der Entzug besteht aus einer Entgiftung und Entwöhnung mit anschließender ambulanter Nachsorge.

Wann ist ein Opiatentzug / Opioidentzug erforderlich?

Zunächst muss zwischen dem Gebrauch als Droge oder als Medikament unterschieden werden. Steht ausschließlich der Rausch im Vordergrund, ist ein Entzug zwingend notwendig, um die Betroffenen vor gesundheitlichen Schäden zu bewahren und ihnen ein selbstbestimmtes Leben zu ermöglichen. Werden Opiate und Opioide als Schmerzmittel eingesetzt, muss der medizinische Nutzen gegen die Gefahr einer Abhängigkeit abgewogen werden.

Hier spielt u. a. der Zeitfaktor eine große Rolle. Eine kurzzeitige Einnahme (unter 2 Wochen) – beispielsweise nach einer Operation – ist in der Regel unbedenklich. Patienten, die über eine längere Zeit immer dieselbe Dosis ohne Steigerung und nennenswerte Nebenwirkungen einnehmen und auf diese Weise eine gute Schmerzlinderung erzielen, sollten mit ihrem Arzt besprechen, ob ein Entzug erforderlich ist.

Anders sieht es aus, wenn die Dosierung immer höher gesteigert wird und die gewünschte schmerzlindernde Wirkung durch die Gewöhnung unterbleibt bzw. das Mittel von vornherein nicht das richtige Schmerzmittel war. Wenn Schmerzpatienten Angst haben, ihren Alltag ohne das Analgetikum zu bewältigen und zu diesem Zweck “Medikamentenvorräte bunkern”, wird es Zeit für einen Opiatentzug. Gleiches gilt, wenn Opioide wie Tilidin zunehmend wegen ihrer euphorisierenden Wirkung eingenommen werden und die Verringerung von Schmerzen eher zweitrangig wird.

Welche Substanzen zählen zu den Opiaten und Opioiden?

Opiate und Opioide sind den Schmerzmitteln zuzuordnen und unterdrücken durch das Andocken an den Opioid-Rezeptoren des zentralen Nervensystems die Schmerzweiterleitung. Durch diesen psychoaktiven Effekt wirken sie deutlich stärker als nicht-opiode und frei verkäufliche Analgetika und werden den Stufen II und III des WHO-Stufenschemas zur Schmerzbewältigung zugeschrieben. Folgende Substanzen können zu einer Opioid-Abhängigkeit führen:

Stufe II, schwach wirksame Opioide

  • Tilidin (mit und ohne Naloxon)
  • Tramadol
  • Dehydrocodein

Stufe III, stark wirksame Opioide

  • Morphin
  • Buprenorphin
  • Fentanyl
  • Hydromorphon
  • Oxycodon
  • Methadon

Ausschließlich als Droge konsumiert wird Heroin.

Was passiert bei einem Opiatentzug?

Der Entzug von Opiaten / Opioiden ist immer mehrstufig aufgebaut. Der Behandlung vorgelagert ist eine sogenannte “Motivationsphase”, in der sich die Patienten mit ihrer Sucht auseinandersetzen und den Willen fassen, sich vom Suchtmittel loszulösen. Da viele Betroffene an einer Medikamentensucht leiden, d. h. das Medikament vom Arzt verordnet bekommen, dauert es dementsprechend lange, bis der Konsum des Schmerzmittels tatsächlich kritisch hinterfragt wird.

Körperliche Entgiftung

Der Opiat-Entzug beginnt wie alle Suchttherapien im ersten Schritt mit einer Entgiftung unter ärztlicher Aufsicht, durch die der Körper vollständig vom Suchtstoff und dessen Metaboliten befreit wird. Während dieser Phase kommt es zu körperlichen Entzugserscheinungen, die von Patient zu Patient unterschiedlich wahrgenommen werden. Um dieses Opioid-Entzugssyndrom für den Suchtkranken so angenehm wie möglich zu gestalten, wird ein abruptes Absetzen vermieden und der Suchtstoff langsam ausgeschlichen (fraktionierter Entzug). Dadurch gewinnt der Körper Zeit, um sich nach und nach an die verringerte Konzentration des Wirkstoffs zu gewöhnen. Zusätzlich dazu werden die Symptome durch eine medikamentöse Therapie und begleitende Behandlungsangebote gelindert.

Psychische Entwöhnung / Suchtrehabilitation

Der Schwerpunkt der Entwöhnung liegt auf der Ermittlung und Aufarbeitung der psychischen Suchtursachen unter therapeutischer Anleitung. Meist handelt es sich dabei um ein multifaktorielles Ursachengeflecht, das in einer umfangreichen Psychotherapie behandelt werden muss. Je nach Klinik zählen dazu Therapien im Einzel- und im Gruppensetting. Ebenfalls auf dem Programm stehen das Erlernen alternativer Schmerzbewältigungsstrategien, ggf. eine medikamentöse Umstellung auf ein nicht abhängig machendes Schmerzmittel, psychoedukative Schulungen zum besseren Schmerzverständnis, eine Rückfallprävention und die Erstellung eines Nachsorgeplans.

Ambulante Nachsorge

Durch die Entstehung des Suchtgedächtnisses werden die Betroffenen auch nach dem Opiatentzug immer wieder mit dem Verlangen nach der Substanz konfrontiert. Dieses gehört zum Wesen einer Sucht, erschwert eine dauerhafte Abstinenz und rückt erst nach und nach etwas in den Hintergrund. Selbst nach Jahren der Enthaltsamkeit sind noch Rückfälle möglich. Um bestmöglich auf die Risiken und Trigger des Alltags vorbereitet zu sein, sollte die Therapie nach dem stationären Entzug ambulant fortgesetzt werden. Dies geschieht normalerweise durch den Besuch eines Nachsorgetherapeuten und die Teilnahme an einer Selbsthilfegruppe. Bei sehr starken chronischen Schmerzen kann die Durchführung einer multimodalen Schmerztherapie empfehlenswert sein.

Wann kommt eine Substitutionsbehandlung in Frage?

Bei Patienten mit einer Medikamentensucht erfolgt die Therapie ihrer Erkrankung in der Regel durch einen qualifizierten, fraktionierten Medikamentenentzug. Lediglich bei einer Abhängigkeit von der Droge Heroin kann die Substitution mit Methadon oder Buprenorphin als Behandlungsalternative eingesetzt werden. Dies ist allerdings meistens keine langfristige Lösung, da Methadon ein noch höheres Suchtpotenzial besitzt als Heroin oder Morphin und der Betroffene somit von einer Droge zur nächsten springt. Das hauptsächliche Ziel der Substitution ist zunächst nicht die Abstinenz, sondern der Wechsel von der illegalen Beschaffungskriminalität zum kontrollierten und legalen Konsum. Das Absetzen von Methadon dauert aufgrund der Depotwirkung in Hypophyse und Hypothalamus rund dreimal so lang wie ein Heroinentzug, so dass eine Substitutionsbehandlung wohl überlegt werden sollte.

Welche Symptome können während des Entzugs von Opiaten und Opioiden auftreten?

Beim Absetzen von Opiaten und Opioiden können sowohl körperliche als auch psychische Entzugserscheinungen auftreten. Die Ausprägung richtet sich nach der konsumierten Substanz, der Konsumhöhe und -länge, dem Lebensalter und der individuellen Konstitution. Ebenso eine Rolle spielen ein möglicher Beikonsum und das Vorhandensein einer begleitenden psychischen Erkrankung.

Unabhängig von den genannten Faktoren treten bei allen Betroffenen ein starkes Verlangen (Craving) nach der jeweiligen Substanz und ein verstärktes Schmerzempfinden (Hyperalgesie) auf. Dieses erklärt sich dadurch, dass das Opioid / Opiat das Schmerzempfinden massiv unterdrückt hat, so dass der Körper ein normales Schmerzverhalten erst wieder erlernen muss. In der Zwischenzeit können bereits leichte Berührungen als starker Schmerz wahrgenommen werden. Nachfolgend ein Überblick über die häufigsten Entzugserscheinungen:

Körperliche Symptome

  • Kopfschmerzen
  • Müdigkeit
  • Magen-Darm-Probleme
  • Muskelbeschwerden
  • Bluthochdruck
  • Herzrasen
  • Fieber
  • Laufende Nase
  • Tränenfluss
  • Erweiterte Pupillen

Psychische Entzugserscheinungen

  • Innere Unruhe
  • Schlafstörungen
  • Angstzustände
  • Depressionen
  • Psychotische Symptome

Welche Medikamente werden bei einem Opiatentzug gegeben?

Zur Linderung von innerer Unruhe und Schlafstörungen können u. a. trizyklische Antidepressiva und niederpotente Neuroleptika verabreicht werden. Häufig kommt auch der α2-Adrenozeptor-Agonist Clonidin zum Einsatz, der die Ausschüttung des stressauslösenden Botenstoffs Noradrenalin vermindert. Darüber hinaus können die Entzugserscheinungen durch begleitende Maßnahmen wie Akupunktur, Biofeedback oder neuro-elektrische Stimulation (NES) gelindert werden.

Wie lange dauert ein Opiatentzug?

Ebenso wie die Entzugserscheinungen lässt sich die Dauer eines Opiatentzugs nicht pauschal bestimmen. Da die Einnahme des Medikaments meist über mehrere Monate, wenn nicht gar Jahre, erfolgt ist, kann von einer Entzugsdauer von mehreren Wochen ausgegangen werden. Das liegt zum einen daran, dass die Dosis sukzessive reduziert und zum anderen die psychische Abhängigkeit überwunden werden muss. Insgesamt halten die psychischen Entzugssymptome und das Suchtverlangen deutlich länger an als die physischen, die ihren Höhepunkt bereits nach 2 bis 3 Tagen erreichen.

Weshalb ist ein kalter Opiatentzug nicht zu empfehlen?

Ein kalter Entzug wird vom Suchtkranken ohne ärztliche, therapeutische und medikamentöse Behandlung durchgeführt und verlangt dem Betroffenen und seinen Angehörigen vieles ab. Die Entzugssymptome treten in voller Ausprägung auf und führen nicht selten zu Entzugsabbrüchen. Dies gilt besonders dann, wenn Angst und Depressionen überhandnehmen. Darüber hinaus fehlt die Aufarbeitung der psychischen Abhängigkeit, so dass nach wie vor ein starker Suchtdruck besteht, der Rückfälle begünstigen kann. Da der Entzug zu Hause stattfindet, erleben die Angehörigen gemeinsam mit dem Abhängigen die gesamte Bandbreite des Opioid-Entzugssyndroms, was äußerst belastend wirken kann. Ein warmer Entzug, d. h. die stationäre Entzugsbehandlung in einer Klinik oder Tagesklinik, ist daher immer vorzuziehen.

Was sind die besonderen Risiken eines Opioidentzugs?

Im Gegensatz zu einem Alkoholentzug, der ein lebensgefährliches Delirium tremens oder Krampfanfälle hervorrufen kann, ist der Opiatentzug mit deutlich geringeren Risiken verbunden. Ein erhöhtes Risiko besteht allerdings in der Zeit nach der stationären Entgiftung, wenn der Patient noch nicht an einer Entwöhnung bzw. Suchtrehabilitation teilgenommen hat. Dadurch ist das Verlangen nach der Substanz nach wie vor vorhanden und kann schlimmstenfalls zum erneuten Konsum mit tödlicher Überdosierung führen. Schließlich ist die Ursprungsdosis für den mittlerweile entgifteten Organismus viel zu hoch und kann eine Atemdepression mit Todesfolge hervorrufen. Dieser Fall tritt oft bei einer Abhängigkeit von Heroin auf.

Wo kann ein Opioid-Entzug durchgeführt werden?

Die Opioidabhängigkeit ist eine anerkannte Krankheit, so dass jeder Patient einen gesetzlichen Anspruch auf eine qualifizierte Behandlung besitzt. Verläuft der Entzug in öffentlichen Einrichtungen, erfolgt die Entgiftung in einem Allgemeinkrankenhaus mit Suchtstation oder einer Psychiatrie und wird von der Krankenkasse getragen. Die nachfolgende Suchtrehabilitation gehört bei Erwerbsfähigen zum Leistungskatalog der Rentenversicherung und muss zunächst beantragt werden. Die Wartezeit auf einen Reha-Platz beträgt außer beim Nahtlosverfahren meist mehrere Wochen, in denen die psychische Abhängigkeit mit dem Risiko einer tödlichen Überdosierung weiterhin vorhanden ist.

Wird die Therapie in einer privaten Klinik durchgeführt, finden Detoxification (Entgiftung) und Entwöhnung in einem Behandlungsschritt in derselben Einrichtung und bei den gleichen Ärzten und Therapeuten statt. Demzufolge ist das Risiko für Patienten deutlich geringer und die Abstinenzchancen sind höher. Das Angebot privater Suchtkliniken richtet sich vorwiegend an Privatpatienten und Selbstzahler, wobei auch einige gesetzliche Krankenkassen zumindest einen Teil der Entgiftungskosten übernehmen.

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