Drogensucht

Tilidin-Entzugserscheinungen

Das Wichtigste in Kürze

  • Tilidin ist ein starkes Schmerzmittel, das eine psychische und physische Abhängigkeit auslösen kann.
  • Beim Absetzen des Medikaments können Entzugserscheinungen
  • Die Nebenwirkungen des Entzugs sind normalerweise nicht lebensbedrohlich, aber sehr unangenehm.
  • Im Rahmen eines professionellen Entzugs lassen sich die Entzugssymptome auf ein Minimum reduzieren.
  • Bei einem kalten Entzug sind (fast) immer gravierende Entzugserscheinungen zu erwarten.

Was sind Tilidin-Entzugserscheinungen?

Zu den Tilidin-Entzugserscheinungen zählen eine Reihe körperlicher und psychischer Symptome, die durch das Absetzen des Medikaments Tilidin ausgelöst werden. Typische Beschwerden sind beispielsweise Schlaflosigkeit, Übelkeit und Erbrechen oder Kopfschmerzen und depressive Verstimmungen. Tilidin-Entzugserscheinungen werden als sehr unangenehm wahrgenommen, sind normalerweise aber nicht lebensbedrohlich.

Wodurch werden Tilidin-Entzugserscheinungen ausgelöst?

Tilidin gehört zur Gruppe der Opioide, die als synthetisch hergestellte Substanzen mit hoher analgetischer Wirkung bekannt sind. Medikamente mit diesem Wirkstoff werden normalerweise bei mäßigen bis starken Schmerzen verabreicht.

  • Wirkung von Tilidin
    • Arzneimittel mit Tilidin entfalten ihre Wirkung im zentralen Nervensystem, wo das Opioid an sogenannte Opioid-Rezeptoren andockt. Dadurch beeinflusst es die chemische Balance im Gehirn und blockiert unter anderem die Weiterleitung von Schmerzsignalen. Hieran gewöhnt sich das zentrale Nervensystem relativ schnell und passt sich dementsprechend sowohl strukturell als auch hinsichtlich der Ausschüttung von Neurotransmittern an.
  • Ursache von Entzugserscheinungen
    • Wird die Einnahme des Schmerzmittels plötzlich gestoppt, gerät das System aus dem Gleichgewicht. Dadurch werden die berüchtigten Entzugserscheinungen hervorgerufen. Diese halten so lange an, bis das zentrale Nervensystem die chemische Balance wiederhergestellt hat.

Wie zeigen sich Tilidin-Entzugserscheinungen?

Tilidin gehört zu den am häufigsten verordneten opioiden Schmerzmitteln: Zusammen mit Tramadol macht es knapp 60 % aller Verordnungen aus1. Leider kann der regelmäßige Gebrauch (oder auch Missbrauch) über einen längeren Zeitraum hinweg in eine Tilidin-Abhängigkeit führen. Diese macht sich unter anderem dadurch bemerkbar, dass nach dem Ausbleiben der gewohnten Dosis eine Reihe von unangenehmen Symptomen auftritt. Sie sind normalerweise nicht lebensgefährlich, aber für die Betroffenen äußerst unangenehm. Die folgenden Entzugserscheinungen sind typisch, wenn eine Abhängigkeit vom Schmerzmittel Tilidin besteht.

  • Körperliche Entzugserscheinungen
      • Schwindel
      • Übelkeit, Erbrechen, Magen-Darm-Beschwerden
      • innere Unruhe und Reizbarkeit
      • Kopfschmerzen
      • Verstärkung ursprünglicher Schmerzen
  • Psychische Entzugserscheinungen
      • Schlafstörungen
      • depressive Verstimmung
      • Angst- und Panikattacken
Alkoholentzug zu Hause: Mann sitzt alleine am Fenster
Alkoholentzug zu Hause: Mann sitzt alleine am Fenster

Was sind Gründe für ein Scheitern des Tilidin-Entzugs?

Auch wenn Nebenwirkungen des Tilidin-Entzugs wie Schlaflosigkeit und Kopfschmerzen nicht lebensgefährlich sind, können sie doch den Erfolg des Entzugs verhindern. Oft fühlen die Betroffenen sich nämlich so elend, dass sie den Entzugsversuch schon nach kurzer Zeit abbrechen.

Besondere Vorsicht ist geboten, wenn das Medikament seit geraumer Zeit zu Rauschzwecken missbraucht wird, z. B. in Kombination mit anderen Drogen und psychotropen Substanzen. Hier kann es bei einem Entzug zu einem unvorhersehbaren Wechselspiel von Nebenwirkungen kommen – welches wiederum durchaus lebensgefährlich werden kann.

Bei wem treten Tilidin-Entzugserscheinungen auf?

Bei Opioiden und Opiaten wird zwischen sehr stark wirksamen Wirkstoffen und eher schwächeren Substanzen unterschieden. Tilidin gehört – anders als Morphin, Oxycodon oder Fentanyl – eher zu den schwachwirksamen Opioiden. Das bedeutet jedoch nicht, dass es nicht auch Entzugserscheinungen hervorrufen könnte.

  • Risiko für Tilidin-Entzugssymptome bei regulärer Verwendung
    • Viele Patienten, die aufgrund von Schmerzen Tilidin verordnet bekommen, wissen nicht, dass das Schmerzmittel langfristig eine Medikamentenabhängigkeit auslösen kann. Sie nehmen das Medikament häufig unbedarft auch in höheren Dosen über mehrere Wochen oder gar Monate hinweg. Dabei gilt: Je länger Opioide eingenommen werden und je höher die Dosis ist, umso größer ist das Risiko für eine Abhängigkeitserkrankung mit unangenehmen Nebenwirkungen beim Entzug.
      Aber: Nicht jeder, der Tilidin bei Schmerzen im Rücken, nach einer Operation oder ähnlichen Indikationen einnimmt, muss davon ausgehen, beim Absetzen des Schmerzmittels unter Schlafstörungen, Übelkeit und anderen Nebenwirkungen zu leiden. Wer allerdings glaubt, in eine körperliche oder psychische Abhängigkeit geraten zu sein, sollte umgehend den Arzt kontaktieren, der das Medikament verordnet hat. In keinem Fall ist ein kalter Entzug durchzuführen, bei dem das Opioid einfach abgesetzt wird.
  • Tilidin-Entzugssymptome bei missbräuchlicher Verwendung
    • Obwohl Tilidin eigentlich ein Analgetikum ist, das gegen Schmerzen eingesetzt wird, häufen sich bei diesem Opioid die Fälle von Medikamentenmissbrauch. Insbesondere in der Rap-Szene ist der Konsum von Tilidin zu Rauschzwecken weit verbreitet2. Hierbei wird meist eine deutlich höhere Dosis als zu therapeutischen Zwecken eingenommen. Zudem erfolgt die Einnahme häufiger sowie in Kombination mit weiteren Rauschmitteln.
      Wird das Medikament nicht zur Behandlung von Schmerzen, sondern in missbräuchlicher Dosierung allein zu Rauschzwecken eingenommen, ist das Risiko für eine psychische und körperliche Abhängigkeit höher. Und auch die Nebenwirkungen beim Tilidin-Entzug, wie Kopfschmerzen und Übelkeit, fallen oft deutlich stärker aus.
Entzug bei Amphetamin-Abhängigkeit: Depressive Frau
Entzug bei Amphetamin-Abhängigkeit: Depressive Frau

Wann setzen Tilidin-Entzugserscheinungen ein?

Wer von der schmerzstillenden Wirkung des Medikaments abhängig ist, muss davon ausgehen, beim Absetzen des Arzneimittels unangenehme Nebenwirkungen zu verspüren. Wann diese auftreten, lässt sich jedoch nicht mit Bestimmtheit vorhersagen. Die meisten Patienten spüren erste unangenehme Gefühle bereits während den ersten Stunden nach der letzten Einnahme. Unruhe und Übelkeit machen sich breit, sie beginnen zu schwitzen oder zu zittern. Die Nebenwirkungen des Opioid- oder Opiatentzugs treten spätestens nach 24 Stunden auf und erreichen den Intensitätshöhepunkt oft in den ersten drei Tagen.

 

Wie lange halten Tilidin-Entzugserscheinungen an?

Genauso wie bei anderen Medikamenten und deren Nebenwirkungen lässt sich oft nur schwer vorhersagen, wer mit Tilidin-Entzug-Symptomen zu kämpfen haben wird und wer nicht. Ganz ähnlich verhält es sich bei der Dauer der Tilidin-Entzugserscheinungen. Viele Aspekte beeinflussen, wie stark die Nebenwirkungen ausfallen und wie lange sie andauern.

  • Viele Faktoren beeinflussen das Auftreten von Symptomen
      • Missbräuchliche oder ärztlich verordnete Einnahme
      • Dauer der Einnahme
      • Höhe der Dosis
      • individuelle Verfassung des Patienten
      • Mischkonsum mit anderen Medikamenten/Drogen
      • Begleiterkrankungen
  • Dauer körperlicher und psychischer Beschwerden
    • Bei den meisten Patienten gehen die körperlichen Entzugserscheinungen relativ schnell vorbei. Oft sind sie bereits nach einer Woche deutlich abgeklungen. Anders sieht es bei den psychischen Nebenwirkungen aus: Unruhe, Schlaflosigkeit, depressive Verstimmungen sowie Angst- und Panikattacken können chronisch werden und die Betroffenen über Monate hinweg begleiten. Deshalb ist es wichtig, keinen kalten Entzug durchzuführen, sondern die Dosis des Schmerzmittels unter ärztlicher Aufsicht und über einen längeren Zeitraum hinweg schrittweise zu verringern.
Anonyme Suchtberatung: Patientengespräch
Anonyme Suchtberatung: Patientengespräch

Was kann man tun, um Tilidin-Entzugserscheinungen zu verhindern?

Der sogenannte fraktionierte Entzug ist eine wirksame Methode, um Patienten dabei zu unterstützen, von der Wirkung des Medikaments Tilidin loszukommen. Dabei wird das Schmerzmittel nicht wie bei einem kalten Entzug von jetzt auf gleich komplett abgesetzt, um Körper und Psyche nicht zu überfordern. Ziel ist es, das zentrale Nervensystem langsam an die geringere Dosis zu gewöhnen, um dadurch die Symptome des Entzugs von vornherein auf ein Minimum zu reduzieren.

Diese Vorgehensweise hat sich in der Suchtmedizin bewährt, ist jedoch kein Garant dafür, dass keine Entzugserscheinungen beim Tilidin-Entzug auftreten. Betroffene sollten daher auch ein schrittweises Ausschleichen des Medikaments nicht in Eigenregie durchführen. Hier können die Nebenwirkungen ebenfalls äußerst belastend sein.

Wie kann man Symptome des Tilidin-Entzugs lindern?

Neben dem berüchtigten kalten Entzug, der ohne ärztliche Begleitung durchgeführt wird und für die Betroffenen oft großes Leid mit sich bringt, gibt es auch den sogenannten warmen Entzug. Hierbei handelt es sich um einen medizinisch-therapeutisch begleiteten Entzug, bei dem Suchtkranke besonders schonend und nebenwirkungsarm entziehen.

Treten Nebenwirkungen auf, können diese durch passende Medikamente gelindert werden. So können beispielsweise Hypnotika und Antidepressiva eingesetzt werden, um die psychischen Nebenwirkungen des Entzugs zu lindern3. Gegen Schmerzen werden alternative Analgetika eingesetzt.

Alkoholentgiftung: Gespräch mit Arzt
Alkoholentgiftung: Gespräch mit Arzt

Wie kann man das Rückfallrisiko beim Tilidin-Entzug lindern?

Sowohl bei der Behandlung von Schmerzpatienten mit einer opioidinduzierten Medikamentenabhängigkeit als auch bei Suchtkranken, die Opiate und Opioide zu Rauschzwecken missbrauchen, hat sich der sanfte bzw. warme Entzug als optimale Variante zur Vermeidung von Entzugserscheinungen nach dem Absetzen von Tilidin erwiesen. Durch die weniger belastende Erfahrung sind sowohl die Abbruchquote als auch das Rückfallrisiko geringer.

Wer bietet Hilfe bei Tilidin-Entzugssymptomen?

Tilidin absetzen – welche Entzugserscheinungen treten auf? Diese und ähnliche Fragen werden immer häufiger in den gängigen Suchmaschinen eingegeben. Auch wenn sich die Abhängigkeit unverschuldet ausgebildet hat, ist sie für viele Betroffene mit Scham behaftet. Sie versuchen deshalb, sich auf eigene Faust zu informieren und herauszufinden, wie man einen Entzug in Eigenregie durchführen und dabei möglichst wenige Nebenwirkungen und Entzugserscheinungen befürchten muss.

  • Ohne ärztliche Hilfe geht es nicht
    • Fakt ist: Selbst eine unverschuldete Medikamentenabhängigkeit bekommt man ohne ärztliche Hilfe meist nicht dauerhaft in den Griff. Denn auch wenn die körperliche Abhängigkeit überwunden ist, bleiben noch immer die psychischen Folgen der Sucht – und auch die Schmerzen, die ja überhaupt erst zu einer Verordnung des Medikaments geführt haben, bleiben bestehen.
  • Hilfe beim verordnenden Arzt
    • Betroffene sollten immer professionelle Hilfe suchen – am besten zunächst bei dem Arzt, der das Mittel gegen die Schmerzen ursprünglich verordnet hat. Dieser kennt die Patientenhistorie am besten und kann die optimale Vorgehensweise beim Absetzen des Opioids gut einschätzen.
  • Hilfe beim Hausarzt oder Suchtberatungsstellen
    • Beim eigenen Hausarzt fällt es Betroffenen oft leichter, sich zu öffnen und sich einzugestehen, dass sie von der schmerzstillenden Wirkung eines Arzneimittels abhängig sind. Eine weitere Alternative sind Suchtberatungsstellen.
  • Professionelle Hilfe bei Entzugskliniken
    • Private Entzugskliniken bieten in der Regel schnelle Hilfe für alle, die entschlossen sind, den Entzug professionell anzugehen: Hier erhalten Betroffene nicht nur viele Informationen über den Entzug, sondern können sich auch direkt für den Entzug anmelden. Je nach Belegungssituation ist sogar eine tagesaktuelle Aufnahme möglich.

Quellenliste

1 Deutsche Gesellschaft für Psychiatrie und Psychotherapie, Psychosomatik und Nervenheilkunde (DGPPN), Deutsche Gesellschaft für Suchtforschung und Suchttherapie (DG-Sucht). S3-Leitlinie Medikamentenbezogene Störungen – 1. Auflage. Version 01. 2020. S. 51, https://www.awmf.org/uploads/tx_szleitlinien/038-025l_S3_Medikamtenbezogene-Stoerungen_2021-01.pdf (Datum des Zugriffs: 23.08.2022)

2 Hüttemann, Daniela „Steckbrief Tilidin“, https://www.pharmazeutische-zeitung.de/steckbrief-tilidin-122010/ (Datum des Zugriffs: 23.08.2022)

3 Maier, Christoph et al. „Opioidentzugsbehandlung bei Schmerzpatienten”, https://www.awmf.org/fileadmin/user_upload/Leitlinien/145_Schmerzgesellschaft/145-003pw6_S3_LONTS_2020-04.pdf (Datum des Zugriffs: 23.08.2022)