Benzodiazepine: Wenn die Angst partout nicht weichen will

Schlafstörungen, Unruhe und Ängste: Die wohl meisten Menschen kennen die unliebsamen Begleiterscheinungen von Stresssituationen und zwischenmenschlichen Konflikten. Die Strategien zur Bewältigung können dabei völlig unterschiedlich sein. Manche Betroffene treiben Sport, andere treffen sich mit Freunden und wieder andere erlernen Entspannungstechniken. Vielfach wird aber auch zu Medikamenten aus der Gruppe der Benzodiazepine gegriffen. Diese können zwar bei zahlreichen Krankheitsbildern helfen, gehen jedoch mit einem sehr hohen Abhängigkeitspotential einher. Nicht umsonst sind deutschlandweit mehr als zwei Drittel aller Menschen, die von einer Medikamentenabhängigkeit betroffen sind, süchtig nach Benzodiazepinen.

Was sind Benzodiazepine?

Die erste Substanz aus der Familie der Benzodiazepine wurde in den 1960er Jahren von Leo Sternbach synthetisch hergestellt. Heute gibt es eine ganze Reihe von Stoffen, die Bestandteil vieler verschreibungspflichtiger Medikamente sind und umgangssprachlich auch als Benzos bezeichnet werden. Meist werden sie als Tabletten, Tropfen oder zur Injektion angeboten. Besonders bekannte Benzodiazepine sind die Wirkstoffe Diazepam, Alprazolam, Lorazepam, Flunitrazepam und Clonazepam.
Benzodiazepine werden in erster Linie bei psychischen Symptomen verabreicht und wirken:

  • anxiolytisch (angstlösend)
  • muskelrelaxierend (muskelentspannend)
  • sedierend (beruhigend)
  • hypnotisch (schlaffördernd)

Häufig spricht man daher auch von Tranquilizern und Hypnotika. Neben der Gefahr einer Abhängigkeit bergen sie auch ein hohes Missbrauchsrisiko. So werden in der Drogenszene einige Substanzen dieser Gruppe nicht als Medikament genutzt, sondern zu Rauschzwecken verwendet. Ebenfalls missbräuchlich eingesetzt wird häufig der Wirkstoff Flunitrazepam (Rohypnol®), der auch als Vergewaltigungsdroge bekannt geworden ist.

Wie wirken Benzodiazepine?

Benzodiazepine bringen eine beruhigende Wirkung mit sich und werden als psychoaktive Substanz direkt im zentralen Nervensystem aktiv. So überwinden sie zunächst die Blut-Hirn-Schranke und docken an den sogenannten Gamma-Amino-Buttersäure-Rezeptoren oder auch GABA-Rezeptoren an und sorgen auf diese Weise dafür, dass die Reizübertragung blockiert bzw. gehemmt wird. Dadurch verschwinden innere Unruhe und Angstgefühle ganz oder werden zumindest stark abgeschwächt. Die Wirkung setzt je nach Präparat und abhängig von der verordneten Dosis recht schnell ein und kann mehrere Stunden andauern. Basierend auf ihrer Halbwertszeit unterscheidet man zwischen kurz wirksamen, mittellang wirksamen und lang wirksamen Benzodiazepinen.

Die spezielle Wirkung einzelner Präparate ergibt sich aus der Benzodiazepin-Anzahl an den Rezeptoren. Während niedrig dosierte Benzos in erster Linie anxiolytisch wirken, sind die Effekte in höheren Dosierungen muskelrelaxierend und hypnotisch und können in sehr hohen Dosen einen epileptischen Anfall unterdrücken.

Wofür werden Benzodiazepine verschrieben?

Mittlerweile sind zahlreiche benzodiazepinhaltige Arzneimittel auf dem Markt vertreten; der hauptsächliche Unterschied liegt in ihrer primären Wirkung. So wird etwa das Benzodiazepin Alprazolam vor allem als Beruhigungsmittel und Medikament gegen Angststörungen eingesetzt. Eines der bekanntesten Medikamente mit dem Inhaltsstoff Alprazolam ist das in den USA zugelassene Xanax®.

Auch Diazepam wird häufig zur Therapie von Angststörungen und zusätzlich zur Behandlung von Epilepsien und in der Anästhesie eingesetzt. Zu den Psychopharmaka, die mit diesem Wirkstoff auf dem Markt erhältlich sind, gehört unter anderem das Präparat Valium®, das nicht nur in zahlreichen Ländern der Welt vertrieben wird, sondern auch zu den ersten Medikamenten aus der Familie der Benzos zählt.

Ein weiterer wichtiger, deutschlandweit sehr bekannter Wirkstoff, ist das schlaffördernde und beruhigende Lorazepam. Als wichtigster Inhaltsstoff im Beruhigungsmittel Tavor® gehörte dieses Benzodiazepin im Jahr 2015 zu den in Deutschland meistverkauften Tranquilizern, dicht gefolgt von Diazepam, Bromazepam und Oxazepam.

Reine Schlafmittel unter den Benzos sind Noctamid® mit dem Wirkstoff Lormetazepam oder Planum® mit dem Inhaltsstoff Temazepam. Bei schweren Einschlafstörungen wird häufig auch der Wirkstoff Triazolam verordnet.

Welche Nebenwirkungen haben Benzodiazepine?

Benzodiazepine können selbst in niedriger Dosierung und bei bestimmungsgemäßem Gebrauch eine lange Liste verschiedener Nebenwirkungen mit sich bringen. Dabei spielt es keine Rolle, ob die Betroffenen Tabletten mit Prazepam, Temazepam, Tetrazepam oder einem anderen Wirkstoff aus der Gruppe einnehmen. Ganz besonders riskant ist die Einnahme bei älteren Patienten. Zu den hauptsächlichsten Nebenwirkungen gehören:

  • Müdigkeit, Benommenheit
  • Kurzeitiger Gedächtnisverlust, langfristig massive kognitive Einbußen
  • Bewegungsstörungen, Muskelschwäche
  • Seh- und Sprechstörungen
  • Magen-Darm-Beschwerden
  • Verlangsamte Atmung

Entscheidend ist, dass sämtliche Benzodiazepine ein eigenes Set an Nebenwirkungen mit sich bringen. Entsprechend sollte der behandelnde Arzt über die jeweils möglichen Begleiterscheinungen ausführlich informieren. Aufgrund der vielen Nebenwirkungen und des hohen Suchtpotenzials sollte die Dosis keinesfalls eigenmächtig erhöht werden.

Welche Gegenanzeigen / Kontraindikationen gibt es bei Benzodiazepinen?

Ob Midazolam und Nitrazepam als Schlafmittel oder Alprazolam als Beruhigungsmittel – unter bestimmten Voraussetzungen dürfen Benzodiazepine nicht eingesetzt werden. Das gilt unter anderem für Personen, die an einer Suchterkrankung, Myasthenia gravis oder dem Schlafapnoe-Syndrom leiden. Ebenfalls kontraindiziert ist die Anwendung in der Schwangerschaft und Stillzeit.

Beim gleichzeitigen Konsum von Alkohol oder anderen Drogen kann sich die Wirkung der verschiedenen psychoaktiven Substanzen unvorhersehbar beeinflussen (insbesondere verstärken) und sowohl körperliche als auch psychische Gefahren mit sich bringen. Dasselbe gilt für die Kombination mit anderen Medikamenten. Als besonders gefährlich gilt die gleichzeitige Gabe von Opioiden.

Warum machen Benzodiazepine abhängig?

So unterstützend der Wirkmechanismus von Benzodiazepinen bei der Behandlung von Schlaf- und Angststörungen einerseits ist, so gefährlich ist er andererseits. Schließlich verursacht genau diese spezifische Wirkung eine schnelle körperliche Gewöhnung und kann die Befindlichkeit der Patienten derart positiv beeinflussen, dass diese nicht mehr auf das Arzneimittel verzichten möchten. Wird es dennoch abgesetzt, kann es zu Rebound-Effekten kommen, d. h. einem verstärkten Wiederauftreten der Symptome. Dieser Effekt wird hauptsächlich durch die aufgrund der Behandlung gesunkene Rezeptorenanzahl und die dadurch verringerte Empfindlichkeit auf körpereigene Botenstoffe verursacht. Die häufigsten Abhängigkeiten bestehen von den Wirkstoffen Lorazepam (Tavor®), Bromazepam und Diazepam (Valium®).

Was hilft bei einer Benzodiazepin-Abhängigkeit?

Eines der größten Probleme bei der Behandlung einer Benzodiazepin-Abhängigkeit ist der häufig fehlende Leidensdruck und damit verbunden auch eine mangelhafte Krankheitseinsicht. Vielfach wird eine Toleranzentwicklung nicht als Abhängigkeit erkannt, sondern einer Verschlechterung der zugrundliegenden Krankheit zugeschrieben. Hier gilt es, die Betroffenen zunächst für die Nachteile einer langfristigen Benzodiazepin-Einnahme zu sensibilisieren.

Der Entzug selbst dauert – abhängig vom angewendeten Präparat- zwischen 4 bis 10 Wochen und sollte grundsätzlich in einer qualifizierten Suchtklinik erfolgen, in der auch die Begleiterkrankungen adäquat mitbehandelt werden können. Wenn überhaupt, ist ein ambulanter Entzug nur bei einem Niedrigdosenkonsum ohne Entzugserscheinungen und ohne schwerwiegende Komorbiditäten möglich.

Während des stationären Aufenthalts wird die Substanz fraktioniert, d. h. nach und nach ausgeschlichen. In dieser Zeit steht der Suchtkranke unter ständiger ärztlicher Aufsicht. Entzugserscheinungen können bei Bedarf medikamentös behandelt werden. Gleichzeitig werden die Suchtursachen therapeutisch aufgearbeitet und Alternativen zum Medikamentenkonsum aufgezeigt. Abgeschlossen wird die Entzugstherapie mit einer umfassenden Rückfallprävention und der Ausarbeitung von Nachsorge-Empfehlungen. Auf Wunsch können auch die Angehörigen in die Therapie einbezogen werden.

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